Lothar Becker, Mitglied des erweiterten Vorstands der OSB Alliance

Mit unseren neu gefassten Leitlinien der OSB Alliance wollen wir unserem Anliegen der digitalen Souveränität nicht nur in Politik und Zivilgesellschaft Gehör verschaffen, sondern auch die europäische Wirtschaft und Industrie von den Vorteilen von Open Source und Open Standards überzeugen. Die inzwischen souveränitätswirkenden Impulse beim digitalen Wandel des Staates, die es nun zu verstetigen gilt, verdeutlichen die Notwendigkeit der digitalen Souveränität genauso auch im privatwirtschaftlichen Sektor. Ja man kann sagen, dass der Staat mit seiner Einkaufsmacht und Regelungskompetenz zur Zeit wichtige Voraussetzungen auch für die digitale Souveränität der Wirtschaft schafft.

Denn das, was für den Staat zum existentiellen Problem werden kann, nämlich ein Lock-In und damit die Abhängigkeit von einem proprietären IT-Anbieter, kann auch ein Wirtschaftsunternehmen in starke Bedrängnis bis hin zum Ausfall des Geschäftsmodells führen. Das kann im Dienstleistungssektor zum Beispiel eine Versicherung ebenso betreffen wie ein Industrieunternehmen wie etwa einen Automobilhersteller.

Oft wird eingewendet, dass der „Open-Spirit“ mit Transparenz und freier Nutzbarkeit in Wirtschaft und Industrie im Widerspruch zum Schutz des eigenen Wettbewerbsvorteile stehen würde. Als erfahrene Open Source Unternehmer können wir feststellen, dass das Gegenteil der Fall ist. Zum einen ist zu entgegnen, ob es wirklich zum Wettbewerbsnachteil führt, wenn produktionsbegleitende Prozesse – also nicht Kernproduktaufgaben – durch Open Source realisiert werden. Sie werden damit aber krisenresilient aufgestellt. Zum anderen hat das Prinzip von „Open Innovation“ und die lange Historie erfolgreicher Standardisierungen in Wirtschaft und Industrie gezeigt, dass diese Grundsätze ganz im Gegenteil den Markt erst haben entstehen und wachsen werden lassen. Sie sind ein wesentlicher Erfolgs- und Wachstumsfaktor unserer von mittelständischen Unternehmen geprägten Privatwirtschaft im deutschen und europäischen Markt.

Das bedingt notwendigerweise eine Transformation im Digitalen hin zu mehr Open Source und Open Minds sowie möglicherweise auch ein Umdenken im Geschäftsmodell mit mehr Orientierung auf Service-Leistungen. Erste Ansätze dahin sind bereits auch in Industrieunternehmen erkennbar. Manche Hersteller denken darüber nach, in Zukunft gar keine Autos mehr zu verkaufen, sondern stattdessen Anteile an einem Mobilitätsservice mit Fahrzeugpool anzubieten, den ihre Kunden flexibel und ganz nach Bedarf nutzen können. Der Wettbewerb findet also im wesentlichen auch über den Service statt. Genauso wie heute moderne Cloud Software nicht mehr mit einer einmaligen proprietären Lizenz gekauft, sondern als Service mit wählbaren Laufzeiten und entsprechend garantierten Updates genutzt wird.

Software bestimmt immer mehr auch Industrieprodukte. Die darüber generierten (Meta-)Daten sowie deren Skalierung über die 5G-Mobilfunkeinführung gewinnen schnell an Bedeutung. Damit nimmt auch für alle Beteiligten die Notwendigkeit zur souveränen Nutzung und Verarbeitung zu.

Aus diesen vielfältigen Gründen sind die neu formulierten Leitlinien der OSB Alliance als Bundesverband für Digitale Souveränität auch für die Wirtschaft und Industrie so wichtig. Das folgende Motto bringt es gut auf den Punkt:

Industry money for Open Minds is industry money for successful Innovations

Wenn Sie uns bei diesen Aktivitäten als Wirtschaftsverband unterstützen wollen, etwa bei den Diskussionen oder der Mitarbeit in den entsprechenden Gremien des Verbandes sowie im Austausch mit anderen Wirtschafts- und Industriebranchenverbänden, dann sprechen Sie uns an, gerne mich persönlich oder über unsere Geschäftsstelle.