Miriam Seyffarth leitet seit Februar 2022 die politische Kommunikation der OSB Alliance. Die Islamwissenschaftlerin engagiert sich seit 2011 für netzpolitische Themen und arbeitete mehrere Jahre für eine Bundestagsabgeordnete an Digitalthemen.

Was begeistert Dich an Open Source und wie bist Du mit dem Thema in Kontakt gekommen?

Ich bin während meines Studiums über Freunde das erste Mal mit Open Source Software in Berührung gekommen. Die Vorzüge haben mich schnell überzeugt, seitdem nutze ich auf meinen privaten Geräten so weit es geht nur Open Source Software – vom Betriebssystem auf meinem Laptop und meinem Smartphone zu meinen verschiedenen Smartphone-Apps. Ich schätze an Open Source Software besonders, dass ich das Gefühl habe, besser kontrollieren zu können, was mit meinen Daten passiert und dass ich insgesamt ein größeres Vertrauen in die IT-Sicherheit von Open Source Lösungen habe, weil grundsätzlich alle in den Code schauen und Sicherheitslücken entdecken können. Ich mag auch den Gedanken, über Open Source Teil von größeren Communities zu sein, wo die Anwender nicht nur Kunden sind, sondern die Software, die sie verwenden, auch selbst studieren, verändern und nach den eigenen Bedürfnissen anpassen und dann weiterverbreiten können. Mich begeistert dieses partizipative und demokratische Element an Open Source Software ganz besonders.

Welche Erfahrungen hast Du in der Politik zu Digitalisierung und Open Source gesammelt?

Um Akteure in Entscheidungssituationen zu überzeugen, braucht man eine gute Antwort auf die Frage „Was habe ich davon“, und das gilt natürlich auch für die Politik. Open Source hat eine große Palette an überzeugenden Verkaufsargumenten. Open Source zahlt in unterschiedlichsten Bereichen auf die Kontroll- und Gestaltungsfähigkeit und die Unabhängigkeit und Resilienz im Digitalen ein. Dann brauchen wir nur noch überzeugende und griffige Best-Practice-Beispiele aus dem Alltag, um das zu illustrieren und die Argumente mit einem attraktiven Narrativ zu verbinden.

Die Corona-Warn-App beispielsweise demonstriert perfekt, wie eine auf offenen Standards und Open Source basierende Lösung eine besonders weite Verbreitung finden kann, wenn sie von verschiedenen Communities oder in verschiedenen Ländern jeweils angepasst und von jedem interoperabel genutzt werden kann. Ich nutze zum Beispiel einen Fork der Warn-App, der ohne Google funktioniert – und kann damit trotzdem die Warnungen von Nutzern mit einer anderen Version der Warn-App sammeln. Offene Standards spielen in so vielen unterschiedlichen Kontexten eine Rolle, zum Beispiel auch, wenn es um das ökologisch nachhaltige und ressourcensparende Design von Hard- und Software geht. Oder beim Onlinezugangsgesetz, wo Kommunen davon profitieren können, dass sie eine Lösung bei sich anpassen und nutzen können, die eine andere Kommune bereits entwickelt und unter einer Open Source Lizenz für andere zur Verfügung gestellt hat.

Die Herausforderung besteht manchmal darin, die Vorzüge von Open Source für Politik und Verwaltung verständlich und lebensnah zu formulieren – wir müssen die Adressaten ja dort abholen, wo sie sind und allzu technische Erläuterungen schrecken manchmal ab, statt Interesse zu wecken. Ich habe zudem immer wieder die Erfahrung gemacht, dass politische Konzepte sich dann erfolgreich durchsetzen, wenn sie mit griffigen Slogans daherkommen wie beispielsweise „Public Money, Public Code“. Das erschließt sich schnell und das kann man sich gut merken.

Wie bist Du auf die OSB Alliance aufmerksam geworden und warum möchtest Du uns mit Deiner Arbeit unterstützen?

2012 wurde ich Mitglied in der Free Software Foundation Europe und 2017 wurde ich im Rahmen meiner Arbeit im Bundestag das erste Mal auf die OSB Alliance aufmerksam. Ich war sehr erfreut zu erfahren, dass es auch einen Wirtschaftsverband gibt, der sich ganz gezielt für Open Source einsetzt und die Interessen der vielen verschiedenen Open Source Unternehmen in Deutschland bündelt. Die OSB Alliance repräsentiert damit aus meiner Sicht eine wichtige Perspektive im Kreis der verschiedenen politisch aktiven Digitalorganisationen und -verbände. Im Bundestag habe ich ein großes Portfolio unterschiedlichster Digitalthemen bearbeitet. Jetzt in der OSB Alliance kann ich mich jeden Tag mit ganzer Aufmerksamkeit meinem Herzensthema Open Source Software widmen. Mit meinem netzpolitischen Hintergrund und meiner Erfahrung aus der Bundespolitik möchte ich die OSB Alliance dabei unterstützen, für unsere Positionen zu werben.

Was möchtest Du mit Deiner Arbeit gerne bewirken?

Wir haben aktuell eine Situation, wo es so viel Verständnis wie nie zuvor im politischen Raum dafür gibt, warum digitale Souveränität absolut unverzichtbar ist für eine nachhaltige und resiliente Verwaltungsdigitalisierung. Vor diesem Hintergrund möchte ich zum einen in Politik und Verwaltung ein breiteres Verständnis dafür erreichen, warum Open Source Software eine zentrale Voraussetzung für digitale Souveränität darstellt. Es kursieren immer noch teilweise Vorurteile oder Fehlinformationen über Open Source, da haben wir noch einiges an Aufklärungsarbeit zu leisten, warum der Einsatz von Open Source sich in vielerlei Hinsicht lohnt und für eine nachhaltige Digitalisierung zentral ist. Zum anderen finde ich es wichtig, dass sich die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung auf verbindliche Ziele beim Einsatz von Open Source festlegen. Wir finden seit vielen Jahren in der Politik Aussagen, dass „Open Source gestärkt werden soll“. Aber da fehlen dann oftmals die konkreten messbaren und verbindlichen Ziele, wie das genau erreicht werden soll. Als OSB Alliance können wir Vorschläge und Ideen entwickeln und in die politische Diskussion einbringen und auch unsere Wünsche und Erwartungen an die Politik formulieren. Ein besonderer Schwerpunkt von mir liegt auf den verschiedenen Aspekten der Verwaltungsdigitalisierung, zum Beispiel auf der Frage, wie wir bestehende Hürden bei der öffentlichen Beschaffung von Open Source Software abbauen können, wie Open Source zur Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes beitragen kann oder wie wir uns beim Aufbau von Verwaltungsclouds aus bestehenden Abhängigkeiten lösen können. Unsere Mitglieder haben ganz viele tolle Ideen und bringen sehr viel Erfahrung mit, ich freue mich, wenn ich sie mit meiner Arbeit unterstützen und ihren Ideen und Vorschlägen mehr Sichtbarkeit verschaffen kann.