Neulich saß ich bei der Betriebsbesichtigung eines Unternehmerverbands im Publikum, zu Gast bei einem 135 Jahre alten Familienunternehmen, Weltmarktführer in der Papierindustrie. Bei der Vorstellung des Unternehmens fiel ein Satz des Geschäftsführers, der mich seitdem beschäftigt: Sein Unternehmen plane nicht in Quartalen, sondern in Dekaden. Auf den ersten Blick hat das wenig mit IT zu tun. Auf den zweiten Blick beschreibt es jedoch ziemlich genau, was digitale Souveränität für mich als Geschäftsführer eines IT-Unternehmens bedeutet.
Digitale Souveränität wird oft technisch diskutiert – als Frage von Serverstandorten, Verschlüsselung oder Cloud-Anbietern. Ich glaube, im Kern ist es aber auch eine Frage des Zeithorizonts. Eine Entscheidung ist nur so lange souverän, wie sie auch in einigen Jahren noch Handlungsspielraum lässt. Genau daran hakt es oft: IT-Entscheidungen werden häufig unter Budget- und Projektdruck getroffen, ihre Konsequenzen entfalten sich aber über Jahre.
Wie real dieses Risiko ist, zeigt ein aktuelles Beispiel. Microsoft hat den Support für Exchange Server 2016 und 2019 im Oktober 2025 eingestellt. Wer weiterhin On-Premises betreiben will, kommt nur noch mit der Exchange Server Subscription Edition weiter – ausschließlich im Abonnement, ohne klassische Kauflizenz, mit spürbaren Preiserhöhungen. Eine Entscheidung, die vor Jahren wirtschaftlich sinnvoll war, wird so nachträglich durch die Lizenzpolitik eines einzelnen Anbieters entwertet – unabhängig davon, ob die betroffene Organisation etwas falsch gemacht hat.
Bei uns äußert sich der Dekaden-Gedanke deshalb sehr konkret: Wir sind Partner mehrerer Open-Source-Hersteller – etwa Univention, Zimbra, Open-Xchange, Nextcloud, Opentalk, Collabora – und bieten deren Lösungen jeweils sowohl On-Premises als auch als SaaS aus unserer eigenen Cloud an. Nicht, weil eine Betriebsart grundsätzlich besser wäre, sondern weil die Kombination aus offenen Standards und austauschbaren Komponenten verhindert, dass eine einzelne Anbieterentscheidung über Jahre hinweg alternativlos wird.
Wie tief dieser Gedanke bereits im Markt verankert ist – und wie leicht er zugleich überzeichnet werden kann –, hat mir kürzlich ein Kundengespräch gezeigt. Der Kunde erwägt, den Funktionsumfang von Microsoft 365 (Teams, SharePoint und Co.) durch Open-Source-Lösungen abzubilden, gerade um solche Abhängigkeiten zu vermeiden. Seine Sorge dabei: Sobald man sich bei der ersten Weichenstellung – etwa Exchange Online oder Zimbra als SaaS bei uns – für eine Seite entscheidet, sei man danach zwangsläufig entweder komplett bei Microsoft oder komplett bei Open Source.
Diese Sorge ist nachvollziehbar, trifft aber nur auf ein Szenario wirklich zu: die vollständige Entscheidung für die Microsoft Cloud, wo alle Dienste integriert und aus einer Hand kommen – funktional stark, aber eben auch vollständig abhängig von einem Anbieter. Bei Open-Source-Ökosystemen ist das anders: Die Komponenten sind bewusst austauschbar. Man kann durchaus Teile der Microsoft Cloud weiter nutzen und parallel auf Open Source Lösungen, bspw. für die E-Mail-Kommunikation setzen – E-Mail- und Kollaborationssystem müssen nicht vom selben Anbieter stammen. On-Premises und sogar hybrid lässt sich ein solcher Mischbetrieb aus Microsoft-Produkten und Open-Source-Lösungen ebenfalls realisieren.
Der Satz aus der Papierindustrie war nicht über IT-Architektur gemeint. Aber er trifft den Punkt, um den es bei digitaler Souveränität eigentlich geht: nicht die Frage, welches Produkt man heute einsetzt, sondern ob man auch in zehn Jahren noch frei entscheiden kann, welches man morgen einsetzt. Das ist aus meiner Sicht der eigentliche Kern unternehmerischer Verantwortung in der IT – nicht das nächste Quartalsergebnis, sondern die Handlungsfähigkeit der nächsten Dekade.
Ansgar Licher, Geschäftsführer LWsystems GmbH & Co. KG



