
Andreas Reckert-Lodde, Interimsgeschäftsführer des ZenDiS
Im Dezember 2022 hat die Bundesregierung das Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS) gegründet, das die öffentliche Verwaltung beim Einsatz von Open Source Software unterstützen soll. Das ZenDiS ist Träger von zentralen Projekten wie dem OpenCoDE Repository und dem Souveränen Arbeitsplatz für die öffentliche Verwaltung. Im Interview mit uns spricht Andreas Reckert-Lodde, Interimsgeschäftsführer des ZenDiS, darüber, warum der Einsatz von Open Source in der Verwaltung gerade in Zeiten einer angespannten Haushaltslage nachhaltig und sinnvoll ist, wie die Bund-Länder-Zusammenarbeit mit dem ZenDiS funktionieren wird, wie OpenCoDE weiterentwickelt werden könnte und vieles mehr.
Hallo Andreas, zunächst mal eine persönliche Frage: Seit wann bist Du Open-Source-Enthusiast und wie bist Du dazu geworden?
Ich bin noch nicht lange Open-Source-Enthusiast – erst als ich 2019 die Studie zur Abhängigkeit von IT-Anbietern begleitet habe, bin ich mit Open Source in Verbindung gekommen und irgendwie daran hängen geblieben – natürlich im positiven Sinne.
Erkläre uns bitte noch einmal ganz kurz, was das Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS) ist und was dort Deine Rolle ist.
Grundsätzlich hat ZenDiS die Aufgabe, die digitale Souveränität der öffentlichen Hand zu stärken. Die erste Mission von ZenDiS ist es, mehr Open Source in die Verwaltung zu bekommen bzw. der Verwaltung zu helfen, mehr Open Source nutzen zu können. Ich bin dabei als Interimsgeschäftsführer des ZenDiS tätig und kümmere mich in diesem Jahr vorrangig um den Aufbau der Gesellschaft und die Übernahme der ersten Open-Source-Projekte.
Warum lohnt es sich aus Deiner Sicht, jetzt in das ZenDiS zu investieren und es als Open-Source-Kompetenzstelle der öffentlichen Verwaltung aufbauen?
Die Digitalisierung der Verwaltung muss Ende zu Ende betrachtet werden, über alle Verwaltungsebenen hinweg. Das bedeutet auch, dass wir Kompetenzen bündeln müssen – wir brauchen z. B. nicht 15 mittelmäßige Messenger, sondern ein bis zwei gute. Ziel ist es, Fähigkeiten für die Verwaltung zu konzentrieren und gegenüber dem Open-Source-Ökosystem als starker Auftraggeber auftreten zu können, um gemeinsam etwas bewegen zu können.
Wie kann sich die Arbeit des ZenDiS bei einer angespannten Haushaltslage auf die nachhaltige Verwendung von Steuergeldern auswirken?
Durch die Nutzung bereits bestehender Open-Source-Lösungen bzw. durch geringfügige Adaptierung können in vielen Fällen Anforderungen der Verwaltung umgesetzt werden, ohne dass die gleiche Lösung von jeder Behörde immer wieder neu entwickelt werden muss. Die Wiederverwendbarkeit von Software bzw. die Nachnutzung u. a. auch von Microservices steigern Kosteneffizienz und Nachhaltigkeit. Gesamtheitlich gesehen können finanzielle Ressourcen durch die zentrale Bündelung im ZenDiS gezielter für die (Weiter-)Entwicklung, Pflege und Services von Open Source Software genutzt werden, wovon alle profitieren, auch außerhalb der Verwaltung – Public Money, Public Code.
Das ZenDis soll ja nicht allein für die Bundesverwaltung zuständig sein. Wie soll die Bund-Länder-übergreifende Zusammenarbeit im ZenDiS aussehen? Wie kann das funktionieren?
Bisher ist der Bund Gesellschafter der ZenDiS GmbH. Die Beteiligung der Länder am ZenDiS ist aktuell in Vorbereitung – Thüringen und Schleswig-Holstein sind gerade im Beitrittsprozess. Weitere Länder wie Baden-Württemberg, Berlin, Nordrhein-Westfalen und Sachsen haben ihre Absicht zum Beitritt erklärt – ich hoffe auf alle Länder. Nach erfolgtem Beitritt können sowohl Aufträge des Bundes als auch der Bundesländer Inhouse beauftragt werden. Um die IT-Dienstleister und Kommunen mit einzubeziehen, wollen wir außerdem GovDigital beitreten.
Wie genau wird die Zusammenarbeit des ZenDiS mit GovDigital funktionieren?
GovDigital fungiert, nachdem ZenDiS Mitglied wurde, als Intermediär für Länder, Kommunen und öffentliche IT-Dienstleister (sofern Mitglieder von GovDigital), die selbst nicht Gesellschafter:innen des ZenDiS sind. Über GovDigital können somit ebenfalls Leistungen beim ZenDiS Inhouse beauftragt und Projekte gemeinsam mit allen Beteiligten aus Bund, Ländern und Kommunen und deren IT-Dienstleistern umgesetzt werden. Das ist extrem wichtig, um alle Ebenen der Verwaltungsdigitalisierung einbinden zu können.
Die schleppende Verwaltungsdigitalisierung ist ja ein Schmerzpunkt, den wir alle teilen. Wie kann das ZenDiS zu einer effizienten und erfolgreichen Verwaltungsdigitalisierung beitragen?
Durch die gemeinsame Arbeit über bisherige Zuständigkeiten und Grenzen hinaus treibt Open Source Software die verwaltungsübergreifende Zusammenarbeit voran und schafft neue Synergien. Mit OpenCoDE, aktuell noch in Trägerschaft des Bundesministerium des Innern und für Heimat, haben wir bereits eine Plattform für den Austausch und die Ablage von Open Source Software in der öffentlichen Verwaltung geschaffen. Perspektivisch könnte hierüber auch eine gemeinsame Entwicklungs- bzw. Referenzumgebung geschaffen werden, um viel schneller die Entwicklung der benötigten Module und Services sowie Fach- und IT-Verfahren umzusetzen. Dies würde den Markt und das Ökosystem für Open Source Software grundlegend befähigen, rasch Lösungen bereitstellen zu können.
Was ist Deine Vision für das Zentrum für Digitale Souveränität, was sind Projekte oder Aufgaben, die das ZenDiS z. B. in ein paar Jahren betreut, wenn es vollständig aufgebaut und ausgestattet ist?
Neben OpenCoDE werden wir die Trägerschaft des Souveränen Arbeitsplatzes für die öffentliche Verwaltung (demnächst openDesk) übernehmen und damit langfristig zwei wichtige Projekte vorantreiben. Unabhängig davon soll und muss ZenDiS das Thema Open Source in der öffentlichen Hand verstetigen und als zentrales Open Source Program Office für die deutsche Verwaltung innerhalb und außerhalb Deutschlands agieren.
Welche anderen Kooperationen des ZenDiS mit anderen Organisationen und Partnern sind aus Deiner Sicht noch wichtig, damit die angestrebten Ziele erreicht werden können? Müssen wir vielleicht auch manche Kooperationsformen neu denken, wenn Open Source einen verstärkten Einzug in der öffentlichen Verwaltung halten soll?
Bisher besteht immer noch viel „Silodenken“ in der Verwaltung – das muss sich ändern. Durch die gemeinsame Nutzung und Weiterentwicklung von Open-Source-Lösungen können wir Verwaltungsgrenzen umgehen und Synergien nutzen – auch im europäischen oder internationalen Umfeld. Auf der Grundidee von Open Source aufbauend, arbeiten wir gemeinsam an Projekten, um die Verwaltungsdigitalisierung aus den bisherigen Strukturen „herauszulocken“.
Wie können wir als Open Source Business Alliance die Arbeit des ZenDiS unterstützen? Was können wir als Verband und unsere Mitglieder beitragen?
Ein Wandel zum Einsatz von mehr Open Source Software in der öffentlichen Verwaltung gelingt uns nur dann, wenn wir es gemeinsam schaffen, alte Denkmuster zu hinterfragen sowie Silos innerhalb und zwischen den Verwaltungsebenen aufzubrechen. Wir freuen uns daher, wenn Ihr unsere Vision einer digital souveränen öffentlichen Hand weiterverbreitet und neue Ideen für gemeinsame Austausch- und Kooperationsformate habt.
