Offener Brief an die Stadträte München

Ein gemeinsamer Fragenkatalog zum Thema LiMux der Organisationen The Document Foundation, Free Software Foundation Europe, KDE, Open Source Business Alliance versendet an den Stadtrat am 13.02.2017

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Sehr geehrte Damen und Herren,

wir verstehen, dass der Betrieb einer städtischen IT-Infrastruktur eine große Herausforderung ist. Selbst kleine Änderungen können aufgrund der Komplexität manchmal Jahre dauern. Bestehende Probleme machen jeden Tag Mitarbeitern die Arbeit schwerer. Sie sind damit nicht alleine, andere Städte sind z.B. gezwungen, noch immer Microsoft Windows XP trotz gravierender Sicherheitsbedenken einzusetzen. Abhängigkeiten verhindern einen Wechsel auf neue Versionen. Diese und ähnliche Schwierigkeiten bestehen unabhängig davon, welche Software genau eingesetzt wird. Langfristig können solche Probleme nur mit einer agilen Verwaltungsstruktur behoben werden.

Doch am Mittwoch sollen Sie darüber beschließen, ob die Stadt München bis zum 31.12.2020 alle Basis-Clients nur noch mit Microsoft Windows betreibt. Das widerspricht den bisher in Auftrag gegebenen Empfehlungen der Gutachter und wir können diese Beschlussvorlage daher nicht nachvollziehen.

Da wir europaweit von Journalisten zu dieser Entscheidung angefragt werden, würden wir uns freuen, wenn Sie uns folgende Fragen beantworten können. Zumindest sollten Sie sicherstellen, dass Sie sie für sich selbst vor einer Abstimmung beantworten können.

Ohne einen konkreten Plan befürchten wir maßlos ausufernde Kosten und ein komplettes Chaos in Ihrer IT.

    • Mit welchen Kosten rechnen Sie für diese Umstellung? Schätzungen, die uns vorliegen, sprechen von 90 Millionen Euro in den nächsten 6 Jahren.

 

    • Warum ignoriert der Stadtrat mit seiner Entscheidung die von ihm selbst beauftragten Studien (MitKonkret, it@M Plus, Accenture), welche alle übereinstimmend mit der it@M die Organisationsstrukturen als Ursprung aller Probleme erkannt haben?

 

    • Wieso werden immer wieder kostenintensive Gutachten und externe Firmen beansprucht, wenn der Stadtrat letztendlich diesen Empfehlungen nicht folgt?
      Siehe u.a. auch bereits MitKonkret, die damals entweder eine volle GmbH oder ein IT-Referat empfohlen haben, aber von einer Mischform abrieten.

 

    • Auf wessen Kompetenz fundiert der Stadtratsbeschluss und die darin enthaltene Einschätzung, dass Accenture, it@M und alle beteiligten IT-Experten falsch liegen und die Ursachen sich mit einer technologischen Entscheidung lösen ließen?

 

    • Diese Entscheidung des Stadtrates hat tiefgreifende technische Konsequenzen. Welcher IT-Architekt hat den Stadtrat diesbezüglich beraten und entschieden, dass die kostenintensive Umstellung auf Microsoft Windows eine notwendige Maßnahme ist?

 

    • Wie glaubt der Stadtrat in zwei Jahren eine komplett neue Infrastruktur schaffen zu können angesichts der Tatsache, dass auch die bestehende Infrastruktur mit der geplanten Größe ihre Schwierigkeiten hat. Wie sollen in diesem Zeitraum 30.000 Mitarbeiter geschult, über 9.000 Vorlagen umgebaut, Wollmux und hunderte von komplexen Makros ersetzt werden?

 

    • Ist dem Stadtrat bewusst, wie er durch den Antrag die Leistung der IT-Mitarbeiter der Stadt herabwürdigt und dass dieses Verhalten die Attraktivität der Landeshauptstadt München als Arbeitgeber für kompetente IT-Spezialisten nachhaltig schädigt?

 

    • Was passiert mit den Mitarbeitern, die zur Zeit für den Basisclient und LibreOffice entwickeln? Werden diese entlassen oder wird ihnen eine angemessene Zeit zur Umschulung gegeben?

 

    • Welche Auswirkung hat diese Entscheidung auf den Betrieb der GNU/Linux-Server und das erst kürzlich neu aufgebaute Rechenzentrum der Stadt?

 

    • Existiert ein Zusammenhang zwischen dem Umzug der Microsoft-Deutschlandzentrale nach München und der Rückkehr zu Microsoft?

 

Mit freundlichen Grüßen
Björn Michaelsen / The Document Foundation
Björn Schießle / Free Software Foundation Europe
Lydia Pintscher / KDE
Holger Dyroff / Open Source Business Alliance