Prof. Dr. René Peinl lehrt an der Hochschule Hof seit 2010 als Professor für Wirtschaftsinformatik im Masterstudiengang „Internet und Web-Science“ bzw. dessen Nachfolgern „Master Informatik“, Master „Applied Research in Computer Science“, sowie allen Bachelorstudiengängen. Darüber hinaus leitet er die Forschungsgruppe Systemintegration am Institut für Informationssysteme (iisys) der Hochschule Hof. Er beschreibt im Interview seine Verbindung zu unserem Verband, seinen Einsatz für Open Source Software und digitale Souveränität und seine Einschätzung für die Zukunft.

Die OSB Alliance feierte unlängst in Berlin ihr 10jähriges Bestehen. Wie haben Sie das begleitende Netzwerkstreffen erlebt und wie präsentiert sich der Verband aus Ihrer Sicht ein Jahrzehnt nach der Gründung?

Der Verband hat sich aus dem 1997 gegründete Linux-Verband und der 2005 gegründeten Linux Solutions Group e.V. (Lisog) entwickelt. Mit seinen aktuell 170 Mitglieder steht er gut da und das hat sich auch auf dem Netzwerktreffen gezeigt. Mit dem Thema „Digitale Souveränität“, dass schon immer Teil der Open Source Bewegung war, fokussiert er sich seit einiger Zeit auf einen Aspekt, der auch politisch immer wichtiger wird und der lange Zeit in Deutschland zu wenig beachtet wurde.

Das Institut für Informationssysteme ist ein Mitglied der ersten Stunde in der Allianz. Worin definiert sich hier für Institut und Hochschule der Nutzen dieses Engagements?

Als öffentliche Einrichtung sehe ich als wissenschaftlicher Leiter des iisys eine moralische Verpflichtung, eine der Leitlinien der OSBA, nämlich „public money, public code“ zu leben. Wir nutzen in der Informatik für eigentlich alle Projekte Open Source Software (OSS), angefangen beim Linux Betriebssystem, über Programmier-Frameworks wie React oder Angular, bis hin zu KI-Modellen auf Basis von Tensorflow oder PyTorch. Anders wäre es überhaupt nicht möglich, in der Kürze der Projektlaufzeiten relevante Lösungen zu schaffen. Entsprechend veröffentlichen wir auch die Ergebnisse als Open Source Software. Auch für die IT-Dienstleister der Region sehe ich Open Source Software als wichtigen Baustein der Geschäftsstrategie, den ich gerne fördern möchte.

Wie wichtig ist für die Gesellschaft der Zukunft das postulierte Ziel der digitalen Souveränität aus Ihrer Sicht – und wo sehen Sie die maßgeblichen Bedrohungen?

Ich denke, dass wir aufpassen müssen, nicht in dystopische Zukunftsszenarien hineinzuschlittern, wenn die großen Plattformbetreiber zu viel Macht bekommen. Der digitale Komfort darf kein Argument sein, Datenschutz und Selbstbestimmung der Benutzer auszuhebeln. Hier ist die Politik aber auch jeder Einzelne gefragt, sich entsprechend zu verhalten. Oft wird Datenschutz gefordert, aber dann werden trotzdem Plattformen intensiv genutzt, die offensichtlich gegen Datenschutz verstoßen. Angeblich, weil sie alternativlos sind. Würden die gewaltigen Summen, die seit der Corona-Pandemie von staatlichen Stellen in MS Teams, Zoom und Co investiert wurden, in die Weiterentwicklung von Open Source Software und den Betrieb deutscher und europäischer Cloud-Dienste auf dieser Basis gesteckt werden, hätten wir schon jetzt ebenbürtige Alternativen und echte Wahlmöglichkeiten. Weil ja bekanntlich „Daten das neue Öl“ sind, ergibt sich eine natürliche Tendenz zur Monopolbildung und der Vorsprung globaler Konzerne vergrößert sich ständig. Diese Effekte erforscht übrigens auch mein Kollege Prof. Wagener in seiner neuen Forschungsgruppe am Institut für Informationssysteme iisys.

Wie genau kann man sich die Zusammenarbeit im Netzwerk in der Praxis vorstellen?

Da gibt es ein sehr großes Spektrum vom niedrigschwelligen Erfahrungsaustausch über die gegenseitige Unterstützung bei der Weiterentwicklung von Open Source Software bis hin zur politischen Lobbyarbeit und dem Beantragen von Förderprojekten.

Beim Netzwerktreffen wurden mit Sicherheit auch Pläne geschmiedet und Projekte besprochen. Können Sie uns hier einen kleinen Einblick geben?

Aktuell ist die OSB Alliance sehr stark auf das Gaia-X Projekt „Sovereign Cloud Stack“ (SCS) konzentriert, das nicht nur großes öffentliches Interesse erfährt, sondern auch das größte Projekt unter Führung der OSBA darstellt, das bisher durchgeführt wurde. Die Wurzeln des Vorhabens reichen bis zu den Anfängen des Verbandes zurück. Ich selbst bin 2011 wegen der Themen „Open Source Integration Initiative“ und „Deutsche Wolke“ zur OSBA gestoßen. Die dort diskutierten Ideen finden sich heute zu großen Teilen im SCS wieder.

Gibt es ansonsten Trends und Aufgaben, denen sich die Branche stellen muss?

Neben der digitalen Souveränität hat das Thema Künstliche Intelligenz (KI) die Medien und Gesellschaft in den letzten Jahren stark beschäftigt. Daher sind wir gerade in Gesprächen eine Arbeitsgruppe „Deep Learning und Open Data“ in der OSB Alliance zu gründen, die diesem Trend Rechnung trägt. Analog dem Prinzip „public money, public code“, das zum Glück immer stärker in der Politik umgesetzt wird (z.B. auch im neuen Koalitionsvertrag), ist die Idee auch „public money, public data“ zu fordern. Software für KI ist zum Glück sowieso überwiegend Open Source. Ohne entsprechende Daten ist die Software aber wenig nützlich. Daher sollten allgemein verwendbare Daten wie Sprache für Spracherkennung und Sprachsynthese, Bilder für Klassifizierung und Objekterkennung, oder Texte für maschinelles Textverständnis, die mit öffentlichen Geldern aufbereitet oder gewonnen wurden, auch der Allgemeinheit zur Verfügung stehen. Mittelfristig könnte man auch den Sovereign Cloud Stack in Richtung einer Plattform für die Entwicklung eigener KI-Modelle weiterentwickeln, so dass man als KMU auch dort nicht von globalen Konzernen und deren Cloud-Angeboten abhängig ist.

An wen kann man sich bei Fragen wenden oder wenn man sich selbst in der Community engagieren möchte?

Die OSBA Geschäftsstelle wird seit Jahren sehr erfolgreich und kompetent von Frau Dorothee Otto betreut. Sie ist sicherlich diejenige, die am schnellsten den Kontakt zu den inhaltlich passenden Ansprechpartnern im großen Netzwerk vermitteln kann.