Die digitale Souveränität ist ein zentrales Thema über alle Branchen hinweg. Während viele Unternehmen ihre Daten stärker kontrollieren und unabhängiger von einzelnen Plattformanbietern werden möchten, gibt es gleichzeitig vielerorts noch keine klare Strategie dafür. Sönke Liebau, Mitgründer und CPO von Stackable, beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie Unternehmen ihre Dateninfrastruktur selbstbestimmt betreiben können. Im Interview erklärt er, warum die größten Hindernisse selten technischer Natur sind, welche Rolle Open Source spielt – und weshalb auf dem Weg zur digitalen Souveränität oft auch etwas Mut fehlt.
Viele Unternehmen wollen unabhängiger werden, doch oft folgen den Worten keine Taten – etwa, wenn sie trotz erkannter Abhängigkeiten an einem Anbieter festhalten. Was sind Ihrer Meinung nach die größten Hemmschwellen auf dem Weg zur digitalen Souveränität?
Wir beobachten meist zwei Kategorien von Hemmschwellen: offen genannte Argumente – und unausgesprochene, unternehmenspolitische oder kulturelle Gründe. Oft werden Fachkräftemangel, Kosten oder die technische Komplexität als die größten Bremsklötze aufgeführt. Viele Unternehmen sagen etwa: ‚Wir haben nicht die technische Expertise‘ oder ‚Die Migration wäre zu aufwendig‘. Und ja, diese Punkte spielen eine Rolle, lassen sich aber in den meisten Fällen lösen, etwa durch den Einsatz von Managed Services bei externen Partnern oder durch Schulungen und Wissensaufbau. Oft haben wir den Eindruck, dass die eigentlichen Hürden tiefer liegen. Wer als IT-Leiter oder CTO über eine Migration entscheidet und sie scheitert, trägt die Konsequenzen – nicht der externe Berater, nicht der Softwareanbieter. Diese Asymmetrie ist real. Dazu kommt, dass Entscheider selten allein handeln: Sie brauchen Budget, Boardgenehmigung, interne Rückendeckung. Was dabei fehlt, ist häufig ein gemeinsames Bild davon, wie ein solcher Wechsel aussehen kann – als kalkulierbares Projekt, nicht als Sprung ins Ungewisse. Viele Unternehmen arbeiten noch immer nach dem Prinzip ‚Nobody ever got fired for buying …‘. Das mag in manchen Fällen seine Berechtigung haben, aber so entstehen nun mal langfristige Abhängigkeiten. Manchmal braucht Souveränität einfach mehr Mut. Das sehen wir aktuell etwa in Frankreich, wo sämtliche Ministerien künftig auf Open Source-Lösungen setzen sollen.
Haben Sie einen Rat an Unternehmen, um diese Hürden zu nehmen, wenn es etwa Ängste vor Risiken oder Verantwortung gibt?
Um es ganz klar zu sagen: Die technischen und finanziellen Hürden lassen sich natürlich nicht einfach wegwischen oder übersehen. Es ist verständlich, dass Unternehmen lieber keine Risiken eingehen wollen. Solche Projekte, seien es Software-Migrationen oder ganze Infrastruktur-Wechsel, sind anspruchsvoll, aber lassen sich durch Standardisierung, Automatisierung und externe Unterstützung gut in den Griff bekommen – Unternehmen müssen nicht zwangsläufig für jeden Bereich einen eigenen Experten haben. Die tieferliegenden Hürden sind schwieriger zu überwinden. Hier braucht es Führung und eine strategische Perspektive. Digitale Souveränität sollte nicht als Nice-to-have betrachtet werden, es geht schließlich um Zukunftssicherheit. Dafür braucht es zu Beginn nicht mal einen Masterplan – für den ersten Schritt hilft schon der Einstieg über ein klar abgegrenztes Pilotprojekt, zum Beispiel eine neue einzelne interne Anwendung, die auf einer souveränen Infrastruktur läuft. Wenn die Verantwortlichen sehen, dass neue Ansätze funktionieren und das Risiko sinkt, verschwindet die Angst vor Veränderung meist schnell und die interne Diskussion verändert sich. Digitale Souveränität muss keine strategische Entscheidung über Nacht sein – sie kann als konkretes Projekt beginnen, das man Schritt für Schritt verfolgt.
Oft wird die digitale Souveränität nur als Buzzword verwendet. Was bedeutet der Begriff für Sie als Daten-Experte?
Für uns bedeutet es vor allem, dass Unternehmen die komplette Souveränität über ihre Daten haben bzw. zurückgewinnen. Es geht um die Kontrolle darüber, wo sie liegen – aber auch die Freiheit, selbst zu entscheiden, wie sie genutzt, mit wem sie geteilt und wie sie weiterentwickelt werden. Technisch lässt sich das am besten mit Ansätzen umsetzen, die auf offenen Standards und portablen Komponenten aufbauen – sodass Unternehmen ihre Infrastruktur in der Umgebung betreiben können, die zu ihnen passt: on-premises, in der Cloud oder hybrid. Entscheidend ist dabei nicht das Label, sondern die Frage: Wer hat am Ende die Kontrolle – das Unternehmen oder der Anbieter? Und bleibt die Freiheit, den Anbieter zu wechseln, wenn sich die Anforderungen ändern, oder entsteht nur eine neue Form des Vendor-Lock-ins?
Welche Rolle spielen externe Anbieter bei der digitalen Souveränität?
Wir verstehen uns als Enabler. Wir liefern die technologische Grundlage, mit der Unternehmen zum Owner einer eigenen Datenplattform werden, ohne alles von Grund auf entwickeln zu müssen. Neben der Software stellen wir auch Expertise für Aufbau und Betrieb von Datenplattformen bereit. Ziel ist es, Unternehmen in die Lage zu versetzen, ihre Datenplattform und Infrastruktur selbst zu steuern – während wir Support, Sicherheitsupdates und neue Funktionen liefern. Und diese Selbstständigkeit ermöglichen wir durch quelloffene Komponenten. Das ist der große Pluspunkt von Open Source: Der Quellcode ist jederzeit einsehbar und es kommen von der internationalen Open Source-Community kuratierte Tools zum Einsatz. Das schafft wahre Unabhängigkeit.
Ist Open Source also der entscheidende Schlüssel für die digitale Souveränität?
Open Source ist kein Allheilmittel, aber ein zentrales Mittel, um Abhängigkeiten zu reduzieren. Bei proprietären, also geschlossenen Lösungen, sind vor allem drei Faktoren kritisch: die Bindung an einzelne Anbieter, der eingeschränkte Zugriff auf den Quellcode und fehlende Wechselmöglichkeiten. Genau hier setzt Open Source an: Der offene Code mit entsprechender Open Source-Lizenz macht Systeme nachvollziehbar und anpassbar, Anbieter lassen sich leichter wechseln, und Lock-in-Effekte werden reduziert. Allerdings entsteht echte Souveränität erst, wenn Unternehmen diese Freiheit auch nutzen können. Dazu braucht es eigenes Know-how, klare Betriebsmodelle und definierte Verantwortlichkeiten. Viele Organisationen kombinieren deshalb Open Source-Technologien mit kommerziellen Services, etwa für Support oder Sicherheit. Entscheidend ist, dass die Kontrolle über Systeme und Daten im eigenen Haus bleibt – nicht beim Anbieter.
Ist der Wechsel von proprietärer Software zu Open Source komplex bzw. sorgt automatisch für mehr Verantwortung?
Eigentlich ganz im Gegenteil, auch eine proprietäre Software, die ich kaufe und selbst betreibe, muss ich als Unternehmen betreiben und beherrschen können. Bei Open Source ist dies sogar einfacher, gerade weil ich den Source Code lesen kann, wenn ich etwas nicht verstehe. Der entscheidende Unterschied ist eher, dass die Fertigungstiefe bei Open Source oft höher sein muss, da man eben nicht alles “managed” oder “aaS” bekommen kann und viele Firmen es gar nicht mehr gewohnt sind, Systeme selbst zu betreiben. Aber langfristig überwiegen die Vorteile: mehr Transparenz, geringere Abhängigkeit von einzelnen Anbietern und deutlich mehr Flexibilität bei der Weiterentwicklung der eigenen Infrastruktur. Durch Automatisierung und standardisierte Module lässt sich die Komplexität heute beherrschen. Unsere Kunden schätzen das sehr.
In einer Studie des Beratungsunternehmens Adesso gaben die befragten Unternehmen an, dass sie für souveräne Lösungen sogar bereit sind mehr zu bezahlen. Muss die digitale Souveränität teuer sein?
Nein, auf keinen Fall. Kurzfristig können zwar Kosten entstehen, etwa für Migration oder Schulungen. Langfristig reduzieren sich die Kosten aber, weil proprietäre Lizenzmodelle wegfallen und Unternehmen nicht den Preisvorgaben der Hersteller ausgeliefert sind. Wer die Gesamtkosten bzw. TCO, also die Total Cost of Ownership, im Blick hat, wird merken, dass die Souveränität wirtschaftlich absolut sinnvoll ist. Bei Datenplattformen ist es zudem sinnvoll, auf einen transparenten Anbieter zu setzen. Gibt es etwa versteckte Kosten beim Datenvolumen, der Anzahl an Anwendern oder der allgemeinen Skalierbarkeit? Wer diese Punkte berücksichtigt, ist auf der sicheren Seite.
Kann sich Deutschland bei Open Source und der digitalen Souveränität etwas bei anderen Ländern abschauen?
Das würde zumindest nicht schaden. Vor allem, um Open Source und die digitale Souveränität auch im öffentlichen Raum zu verankern. Es gibt Positivbeispiele aus Deutschland, zum Beispiel die Open Source-Strategie von Schleswig-Holstein, um die digitale Souveränität zu stärken. Im Gesamtkontext gibt es aber einigen Verbesserungsbedarf – das zeigen auch die über acht Milliarden Euro für Einzel- und Rahmenverträge, die die Bundesregierung an US-Unternehmen zahlt. Die Schweiz hat etwa ein Gesetz eingeführt, durch das Regierungssoftware als Open Source veröffentlicht werden muss. Auch andere Länder wie Finnland oder die skandinavischen Staaten sind führend bei solchen Initiativen. Und dann gibt es natürlich noch das erwähnte Beispiel in Frankreich. Kurzgesagt: In Deutschland wird oft noch diskutiert, während anderswo die Umsetzung konsequent vorangetrieben wird. Natürlich braucht der Weg zur Datensouveränität Mut, aber dieser Mut wird sich auszahlen. Der Weg zur digitalen Souveränität ist selten geradlinig – und wer ihn geht, tut das meist nicht aus einem einzigen Beschluss heraus, sondern Schritt für Schritt. Was ich aus vielen Gesprächen mitnehme: Der erste konkrete Schritt verändert die Perspektive. Nicht weil er alle Probleme löst, sondern weil er zeigt, dass digitale Souveränität kein Wunschdenken ist, sondern machbar.

