Porträt von Jens Gerlach im roten Poloshirt

Jens Gerlach, OpenShift Virtualization Specialist EMEA bei Red Hat (Quelle: Red Hat)

Die Karten auf dem Virtualisierungsmarkt werden neu gemischt. Bei der Neubewertung und Suche nach Alternativen sollten Unternehmen laut Jens Gerlach, OpenShift Virtualization Specialist EMEA bei Red Hat, nicht nur Lizenzkosten abgleichen, sondern die Frage beantworten, wie sie ihre gesamte Infrastruktur für die Zukunft ausrichten wollen. Wie es um die wirtschaftliche Effizienz der eigenen Virtualisierung bestellt ist, lässt sich dabei schon mit einem kleinen Fragenkatalog feststellen.

Viele Jahre lang gab es für Unternehmen keinen echten Grund, ihre Virtualisierungsstrategie auf den Prüfstand zu stellen. Neue Marktdynamiken, sich verändernde Lizenzmodelle und drastisch gestiegene Renewal-Kosten drängen Unternehmen jetzt allerdings dazu, Entscheidungen zu treffen. Wer sich auf die Suche nach Alternativen begibt, sollte allerdings zunächst den eigenen Status quo kennen, um auf Grundlage belastbarer Fakten die richtige Wahl zu treffen. Dabei helfen sieben Fragen als Orientierung:

1. Zahlen wir für eine Infrastruktur, die niemand mehr nutzt?

In fast jedem Unternehmen laufen virtuelle Maschinen weiter, die seit Monaten oder Jahren niemand mehr gestartet hat – oft weil sich niemand traut, sie abzuschalten. Wer nicht weiß, was er eigentlich betreibt, kann auch nicht sagen, was er wirklich braucht. Ein sauberer Bestandsabgleich ist der günstigste Kostenhebel überhaupt. Er kostet nichts außer Zeit und deckt reale Einsparpotenziale auf, bevor über größere Schritte überhaupt nachgedacht wird.

2. Nutzen wir unsere Hardware wirklich aus?

Server von heute haben ein Vielfaches der Rechenkerne von vor wenigen Jahren. Wer seine Konsolidierungsdichte nicht regelmäßig überprüft, zahlt für ungenutzte Kapazität mit, unabhängig davon, welche Virtualisierungslösung im Einsatz ist. Das ist weniger ein Argument für einen Wechsel als vielmehr eine kleine Rechercheaufgabe, die sich für jedes Unternehmen lohnt.

3. Betreiben wir eigentlich zwei Infrastrukturen, obwohl eine reicht?

In vielen Unternehmen laufen klassische Virtualisierung und moderne Container-Anwendungen getrennt voneinander, mit doppeltem Tooling, doppeltem Betriebsaufwand und zwei Teams, die kaum zusammenarbeiten. Wer beide Welten auf einer gemeinsamen Plattform konsolidiert, spart nicht nur Overhead, sondern gibt alten Anwendungen Zugang zu modernen Werkzeugen, ohne sie selbst anfassen zu müssen.

4. Wie lange dauert es bei uns, bis eine neue virtuelle Maschine verfügbar ist?

In klassischen Umgebungen sind Wochen über mehrere Ticketsysteme hinweg keine Seltenheit. Das kostet nicht nur Produktivität, es treibt Fachabteilungen dazu, sich eigene Kapazitäten in der Public Cloud zu besorgen, oft am IT-Budget vorbei. Moderne Self-Service-Ansätze verkürzen diese Wartezeit auf Stunden und schließen damit gleichzeitig ein Governance-Loch.

5. Haben wir die tatsächlichen Kosten eines Wechsels ehrlich durchgerechnet?

Parallelbetrieb während der Übergangsphase, Schulungsaufwand und Prozessanpassungen gehören in jede seriöse Kalkulation. Wer das ausblendet, verkauft sich selbst eine unrealistische Erwartung. Die langfristige Rechnung fällt trotzdem häufig zugunsten eines Wechsels aus, aber nur, wenn sie ehrlich geführt wird.

6. Wie abhängig wollen wir von einem einzigen Anbieter sein?

Technologien auf Basis von Open Source erlauben es im Zweifel, Workloads zu einem anderen Anbieter mitzunehmen, statt bei plötzlichen Preis- oder Konditionsänderungen handlungsunfähig zu sein. Der kurzfristige Kostenvorteil dieser Wechselfähigkeit ist überschaubar, der langfristige Hebel gehört trotzdem zu den wichtigsten Argumenten, gerade angesichts der aktuellen Diskussion um digitale Souveränität.

7. Braucht jede Anwendung wirklich eine eigene virtuelle Maschine?

Ein Teil der eingesetzten Software, eigene wie zugekaufte, lässt sich heute bereits containerisiert betreiben, mit geringerem Ressourcenbedarf und höherer Dichte. Das ist kein Aufruf zur kompletten Anwendungsmodernisierung über Nacht, sondern eine ehrliche Bestandsaufnahme. Ein Frühjahrsputz zeigt, wo sich der Aufwand ohne große Risiken lohnt.

Die aktuelle Kostenexplosion könnte am Ende der Weckruf sein, den Unternehmen benötigen. Die technologischen Möglichkeiten, Virtualisierung und Anwendungsentwicklung stärker auf einer gemeinsamen Plattform zu konsolidieren, gibt es längst. Was vielen Unternehmen bislang aber fehlte, war der wirtschaftliche Druck, um gewachsene Strukturen grundlegend zu hinterfragen. Den gibt es aber spätestens jetzt.