Rico Barth (links) und Denis Meißner

Die Debatte um die digitale Souveränität hat an Schärfe gewonnen. Abhängigkeiten von großen Anbietern, geopolitische Spannungen und steigende Anforderungen an Transparenz und Kontrolle zwingen Unternehmen und öffentliche Auftraggeber zum Umdenken. Rico Barth, CEO von KIX Service Software, und Denis Meißner, Director Application Management bei ]init[, sprechen über Ursachen, Fehlentwicklungen und konkrete Wege aus der Abhängigkeit.

Lieber Herr Meißner, lieber Herr Barth, alle sprechen über digitale Souveränität, aber die Interpretationen davon gehen oft auseinander. Was bedeutet der Begriff für Sie?

Denis Meißner: Digitale Souveränität bedeutet für mich, dass wir als Organisation, aber auch als Gesellschaft, die Kontrolle über unsere eigenen Daten, Prozesse und Technologien behalten. Es geht vor allem darum, informierte Entscheidungen treffen zu können, statt von einzelnen Herstellern oder Ökosystemen abhängig zu sein. In unserem Haus bedeutet das konkret: Wir wollen Technologien nutzen, die transparent, offen und nachhaltig beherrschbar sind – sowohl technisch als auch wirtschaftlich.

Rico Barth: Ich möchte in erster Linie selbst entscheiden, wie ich digitale Produkte einsetze. Ob ich ein Produkt beim Hersteller betreibe oder eine Nutzungslizenz erwerbe, einen Dienstleister beauftrage oder den Betrieb selbst übernehme, sollte keine Rolle spielen. Es muss immer die Möglichkeit geben, die Datenverarbeitung selbst zu kontrollieren oder sie unabhängig prüfen zu lassen. Und das lässt sich für mich nur durch den Einsatz von Open Source-Software erreichen. So können wir den Quellcode und die Art der Datenverarbeitung transparent nachvollziehen.

Die letzten Jahre haben immer deutlicher gezeigt, dass Deutschland bei der digitalen Souveränität hinterherhinkt. Was sind für Sie die Gründe dafür?

Denis Meißner: Das hat meiner Meinung nach verschiedene Ursachen. Die regulatorischen Rahmenbedingungen sind oft komplex und langsamer als die technologische Entwicklung. Hinzu kommen historisch gewachsene Abhängigkeiten von großen US-Anbietern, die sich über Jahrzehnte verfestigt haben. Und letztendlich gibt es in Deutschland auch eine gewisse kulturelle Vorsicht gegenüber neuen Technologien – wir sind manchmal zu gründlich, bevor wir mutige Schritte gehen. Kompetenz ist genug vorhanden, aber wir setzen sie nicht immer strategisch genug ein.

Rico Barth: Ich würde es noch zuspitzen: In Deutschland herrscht nicht nur Vorsicht, sondern vor allem Bequemlichkeit. Wenn in den letzten Jahrzehnten eine Entscheidung anstand, haben wir uns für den bequemen Weg entschieden. In der IT sehen wir das jetzt sehr konkret. Die Politik hätte schon vor langer Zeit den Staat als Ankerkunden für die europäische IT-Industrie positionieren müssen. Stattdessen haben wir uns abhängig von außereuropäischen Großkonzernen gemacht. Und somit letztlich erpressbar. Wären die Milliarden in die europäische IT-Industrie geflossen, allem voran in den Innovationstreiber Open Source, könnten wir heute deutlich souveräner auftreten.

Was waren für Sie die größten politischen Fehlentscheidungen?

Rico Barth: Es gab einige. Beispielsweise die Verlängerung der Rahmenverträge mit großen US-Anbietern. Ebenso die Entscheidung, die Budgets zur Verbesserung der digitalen Souveränität und für die Digitalisierung massiv zu kürzen. Positiv war, dass Friedrich Merz Ende 2025 auf dem Gipfel zur digitalen Souveränität Europas betont hat, dass wir uns digital unabhängiger aufstellen müssen. So klar hat vorher noch kein Politiker die Lage beschrieben.

Denis Meißner: Was politische Entscheidungen der letzten Jahre betrifft, sehe ich weniger klare Fehlentscheidungen, sondern in erster Linie eine gewisse Zögerlichkeit. Viele Maßnahmen wurden zu spät getroffen, zu eng gefasst oder ohne langfristige Strategie umgesetzt. Der viel zu lange Fokus auf wenige große Cloud-Anbieter war zwar pragmatisch, hat aber unsere digitale Unabhängigkeit geschwächt. Auch bei Themen wie Open Source oder dem Aufbau eigener digitaler Infrastrukturen hätte ich mir frühere und konsequentere Impulse gewünscht.

Welche Maßnahmen müssten Deutschland und die EU konkret ergreifen?

Rico Barth: Die EU und Deutschland müssen ihre Macht als Ankerkunde der europäischen IT-Industrie wahrnehmen. Ich bin der festen Überzeugung, wenn der Staat seine Einkaufsmacht zum Kauf und zur Nutzung europäischer, digital souveräner IT-Lösungen nutzt, könnten viele Förderprogramme stark zurückgefahren oder sogar gänzlich abgeschafft werden. Das spart Haushaltsmittel, vereinfacht die viel zu komplizierte Förderbürokratie und befeuert gleichzeitig den Aufbau und die Innovation europäischer Unternehmen.

Spüren Sie in Ihren Unternehmen, dass die Nachfrage nach Closed- und Non-EU-Software abnimmt? Falls ja, woran liegt das?

Rico Barth: Das spüren wir bei KIX eindeutig. Kurz und knapp: Trump und die Weltpolitik sind gute Verkäufer (lacht).

Denis Meißner: Wir merken das auch deutlich. Viele unserer Kunden, gerade im öffentlichen Bereich, beschäftigen sich viel intensiver mit Datensouveränität, Transparenz, Compliance und Kostenkontrolle. Closed-Software wird kritischer gesehen, weil Preisentwicklungen weniger planbar sind, Datenhaltung nicht immer europäischen Standards entspricht und Anpassungen stark vom Hersteller abhängen. Gleichzeitig steigt der Wunsch nach offenen Standards, nachvollziehbaren Architekturen und vertrauenswürdigen europäischen Partnern.

Ist das ein vorübergehender oder anhaltender Trend?

Denis Meißner: Das ist ein Trend, der aus meiner Sicht mindestens in Mitteleuropa bzw. der EU dauerhaft bleiben wird. Die Diskussion um digitale Souveränität ist kein kurzfristiges Thema, sondern ein einschneidender, struktureller Wandel, der sich in vielen Entscheidungen unserer Kunden widerspiegelt. Bei vielen Unternehmen und Behörden kehrt die Einsicht ein, dass es nicht ratsam ist, bildhaft alle Werkzeuge und Schlüssel aus der Hand zu geben.

Seit Anfang 2026 gibt es eine Partnerschaft zwischen ]init[ und KIX. Ist das Ihr Beitrag, um aus der Abhängigkeit zu kommen?

Denis Meißner: Es ist jedenfalls Teil unseres größeren Konzepts, Alternativen zu bieten. Wir verfolgen seit Jahren, wie sich Open Source-Lösungen im IT Service-Management entwickeln, und KIX ist uns immer wieder positiv aufgefallen – technologisch, strategisch und als Unternehmen. Viele unserer Kunden suchen ein ITSM-System, das leistungsstark, flexibel, auditierbar und souverän ist. KIX erfüllt genau diese Anforderungen: Open Source, deutsche Entwicklung, sowohl on-prem als auch in souveränen Cloud-Umgebungen betreibbar, hochgradig anpassbar und frei von Herstellerabhängigkeiten. Also eine echte Alternative.

Rico Barth: Als Digitalisierungsdienstleister ist ]init[ seit Jahren fest in Deutschland und Europa verankert und hat ein starkes Portfolio an Open Source-Lösungen aufgebaut. Wir sind stolz darauf, dass wir nun Teil dieser Open Source-Strategie sind. Uns als Softwarehersteller ermöglicht so eine Partnerschaft, den Fokus auf die Entwicklung der Software und den Softwaresupport zu setzen und beizubehalten. Und: das macht uns zu einer ernstzunehmenden Alternative zu ITSM-Lösungen von BMC, ivanti, Atlassian oder ServiceNow.

Wie sieht Ihr langfristiger Fahrplan aus, um die digitale Souveränität voranzutreiben?

Denis Meißner: Wir haben drei klare Ziele: Wir wollen souveräne Alternativen weiter stärken und unseren Kunden Lösungen zur Unabhängigkeit anbieten – technisch, organisatorisch und wirtschaftlich. Wir möchten offene Ökosysteme weiter ausbauen, weil sie Innovation, Sicherheit und Flexibilität vereinen. Und wir werden hybride Betriebsmodelle konsequent anbieten, damit unsere Kunden frei entscheiden können, ob sie On-prem, souveräne Cloud oder Mischformen bevorzugen.

Rico Barth: Wir werden uns auch zukünftig in unserem Branchenverband OSBA aktiv engagieren. Es braucht weiterhin eine starke Stimme für digitale Souveränität, aber auch für Zusammenarbeit und Offenheit in der IT-Industrie Europas. Die Rede von Friedrich Merz ist ein wichtiger erster Schritt auf dem Weg zu einem digital souveränen Europa. Als Verband und auch als einzelnes Open Source-Unternehmen werden wir ihn dabei unterstützen und ihn daran messen. Und wenn nötig auch immer wieder einmal daran erinnern.