Die Sprecher der Working Group Beschaffung der Open Source Business Alliance, Birgit Becker und Claus Wickinghoff, erklären im Interview, worauf man achten sollte, wenn man einen Anbieter für ein nachhaltig erfolgreiches Open-Source-Projekt auswählen möchte. Dabei stellen sie die Besonderheiten der Open-Source-Geschäftsmodelle vor und beleuchten, warum gerade für die öffentliche Hand Vergabekriterien für die Beschaffung von Open Source Software so wichtig sind. Das Interview erschien zuerst im Special Interest Magazin „Kleine Kniffe“ in der Ausgabe „Nachhaltiger IT-Einkauf“

Das Interview führte Thomas Heine

Open Source Software trägt entscheidend zur Nachhaltigkeit in der IT bei, da der Quellcode der Allgemeinheit zur Verfügung steht und beispielsweise Hardware mit Open Source Software deutlich länger genutzt werden kann. Damit eine Open Source Software aber auch tatsächlich langfristig zur Verfügung steht und von allen sicher genutzt werden kann, ist es wichtig, bei der Beschaffung auf bestimmte Nachhaltigkeitskriterien zu achten.

Wie passt das Thema Nachhaltigkeit zu Software?

Claus Wickinghoff: Bei Nachhaltigkeit denkt man natürlich in erster Linie an das Einsparen von Ressourcen. Bei Software drängt sich dann schnell die Frage der genutzten Energie für eine bestimmte Aufgabe auf. Wir denken, bei Software muss man Nachhaltigkeit in einem viel größeren Rahmen betrachten: Steht eine Software auch nach mehreren Jahren noch in einer sicheren Version zur Verfügung, so dass meine Investitionen in die Einführung der Software inklusive Migration und Nutzerschulung nicht vergebens sind? Bei proprietärer Software sehen wir beispielsweise, wie der Zwangswechsel auf Windows 11 um weiterhin Security-Updates zu erhalten nicht nur neue Software erfordert, sondern teilweise auch gleich die Anschaffung neuer Hardware mit sich zieht. Und die alte, eigentlich noch funktionsfähige Hardware wird unnötigerweise zu Müll.

Und Open Source kann das lösen?

Birgit Becker: Mit Open Source steht der Quellcode einer Software der Allgemeinheit zur Verfügung und ist damit nicht von einzelnen Entwicklern oder Unternehmen abhängig. Außerdem kann eine Software oder Teile davon auch recht einfach „recycelt“ und als Baustein in andere Lösungen integriert werden. Dies ist ja auch ein wesentlicher Aspekt beim Thema Nachhaltigkeit. Mit Hilfe von Open Source Software lässt sich übrigens Hardware, die sonst ausgemustert werden müsste, noch jahrelang weiter betreiben.

Ihr habt aber an der Stelle noch weiter gedacht?

Claus Wickinghoff: Genau. Ursprünglich wurde Open Source Software hauptsächlich nicht kommerziell verbreitet, das ganze Internet basiert ja technisch auf der Idee von freiem Code und freiem Informationsaustausch. Inzwischen wird Open Source aber immer mehr von professionellen und kommerziellen Unternehmen vorangetrieben. Diese Unternehmen finanzieren ihre Arbeit und die Weiterentwicklung der Software u.a. über Projekte und Aufträge.

Birgit Becker: Open Source basiert auf einem ganz eigenen Geschäftsmodell: Da die Software selber frei verfügbar ist, werden tatsächlich meist nur Dienstleistungen verkauft. Diese kann prinzipiell jeder anbieten, nicht nur der Software-Hersteller selbst. Der Haken dabei ist, dass jemand ein sehr günstiges Angebot abgeben kann und sich aber nicht an der weiteren Entwicklung der Open Source Software beteiligt.

Wenn Nachhaltigkeit aber auch bedeuten soll, dass die Open Source Software auch in mehreren Jahren noch gepflegt und weiter entwickelt wird, dann muss auch der eigentliche Hersteller der Software, der sich darum kümmert, an dem Geschäft beteiligt werden. Bei proprietärer Software ist das sowieso immer der Fall: Jede verkaufte Lizenz zahlt auch in die Kasse des Software-Herstellers ein.

Das klingt nachvollziehbar. Und in der Praxis geschieht dies nicht?

Claus Wickinghoff: Nein, nicht automatisch. Bei Ausschreibungen der öffentlichen Hand muss üblicherweise das wirtschaftlichste Angebot gewählt werden. Das geht also meist über den Preis. Wer aber nur den eigenen Service kalkuliert und die Software als kostenlos gegeben annimmt, weil die ja frei herunterladbar im Internet verfügbar ist, der kann sein Angebot natürlich viel günstiger gestalten.

Birgit Becker: Was das in der Praxis bedeutet, haben wir beispielsweise bei einer Mitgliederbefragung bei uns in der Open Source Business Alliance erfahren: Hier hat ein Hersteller berichtet, dass er sich mit einem realistisch kalkulierten Angebot an einer Ausschreibung beteiligt hat, bei der es um seine eigene Softwarelösung ging – hier geplant für alle Schulen in einem Bundesland. Den Zuschlag bekam am Ende ein anderer Anbieter, der mit der Software nicht vertraut war, und bei dessen deutlich billigerem Angebot die Unterstützung durch den Hersteller nicht eingeplant war. Letztlich geriet das Projekt in Performanceprobleme und dann wurde der eigentliche Software-Hersteller kontaktiert, um kostenlos Hilfestellung zu geben. Dies hat er abgelehnt. Für den Auftraggeber sieht es dann am Ende so aus, als würde die Open Source Software nicht richtig funktionieren.

Claus Wickinghoff: Der Software-Hersteller kalkuliert bei seinem Angebot seine Entwicklungskosten und die Dienstleistung mit ein, damit er auch in einigen Jahren noch am Markt sein und seine Mitarbeiter bezahlen kann. Wir haben daher einen Vorschlag mit 4 Kriterien erarbeitet, wie diese Aspekte mit in die Vergabeentscheidung einfließen können

Und welche Kriterien sind das?

Birgit Becker: Ein Kriterium ist zum Beispiel die Verbindung zum Softwarehersteller bzw. den Entwicklern. Hier wird abgefragt, ob eine Geschäftsbeziehung besteht bzw. inwieweit eine Unterstützung erfolgt. Ein weiteres Kriterium ist auch, wie der Anbieter dafür Sorge trägt, dass Änderungen an der Software auch wieder upstream der Allgemeinheit verfügbar gemacht werden.

Dann kann auch in den Blick genommen werden, inwiefern der Auftragnehmer in der Lage ist, qualitativen Third-Level-Support zu gewährleisten. Denn hierfür ist die Expertise des Auftragnehmers mit dem Quellcode des konkreten Produkts notwendig.

Open Source Software besteht ja oft aus vielen unterschiedlichen Komponenten. Ein viertes Kriterium ist daher, ob der Anbieter Entwickler und Projekte der einzelnen Softwarekomponenten unterstützt, die in seinem Produkt verbaut sind. Der Cyber Resilience Act greift diesen Aspekt auch unter dem Motto “Sicherheit in der Lieferkette” auf.

Claus Wickinghoff: Am Ende sollen die Kriterien bei der Entscheidung unterstützen, mit welchem Anbieter ein Projekt nachhaltig realisiert werden kann, so dass alle im Open-Source-Ökosystem davon profitieren und die Software langfristig sicher zur Verfügung steht. Wer tiefer in das Thema einsteigen will, findet unser aktuelles Positionspapier dazu auf der Webseite der OSBA.