Frank Nagle ist Assistenzprofessor in der Strategieabteilung der Harvard Business School und untersucht regelmäßig Themen aus dem Open-Source-Umfeld. In den letzten Monaten hat er mit unterschiedlichen Teams zwei Studien veröffentlicht. Eine im November 2023 in ScienceDirect veröffentlichte Langzeitstudie beschäftigt sich mit der Fragestellung, ob es einen Zusammenhang zwischen Neugründungen von Unternehmen in einem Land und den lokalen Beiträgen zu Open Source Software gibt, eine Studie vom Januar 2024 untersucht den monetären Wert von Open Source Software für Unternehmen.
Open Source Software ist ein starker wirtschaftlicher Hebel
Beide Studien zeigen, dass von der Unterstützung des Open-Source-Ökosystems sowohl die Zivilgesellschaft als auch einzelne Unternehmen und ganze Volkswirtschaften profitieren.
Der freie Zugang zu Wissen, Code, Communities und technologischen Ressourcen wie Bibliotheken und Programmiersprachen fördert das Unternehmertum und verbessert die Chancengleichheit insbesondere von Ländern mit mittlerem und geringem Pro-Kopf-Einkommen.
Die politische Entscheidung, das (nationale) Open-Source-Ökosystem zu unterstützen, entfaltet sowohl regional als auch global eine starke wirtschaftliche, innovationsfördernde und soziale Hebelwirkung.
Open Source Software und globales Unternehmertum
Open Source verkürzt die Zeit für die Entwicklung innovativer Softwaremodule, beseitigt Schwierigkeiten bei der Verhandlung über geistiges Eigentum und verringert die Hürden der Kapitalbeschaffung für die Softwareentwicklung. Heute ist Open Source ein wesentlicher Bestandteil der künstlichen Intelligenz, des webgestützten Handels und der meisten Big-Data-Software.
Um die Beziehung zwischen dem Einsatz von Open Source Software und dem weltweiten Unternehmertum zu messen, wurde in der Studie „Open source software and global entrepreneurship“ die länderspezifische Beteiligung an der Quellcode-Plattform GitHub den Neugründungen von Unternehmen im jeweiligen Land gegenübergestellt. Während in früheren Phasen der Studie der Fokus vor allem auf Ländern mit hohem Einkommen lag, untersucht die aktuelle Studie auch die Auswirkungen von Open Source auf Länder mit mittlerem und geringem Einkommen. Dabei wurden diese Thesen und Fragestellungen behandelt:
- Erhöht Open Source Software die Unternehmertumsquote?
- Fördert Open Source das Unternehmertum in allen Ländern gleichermaßen?
- Welche Arten von Unternehmen entstehen mit Open Source Software?
Erhöht Open Source Software die Unternehmertumsquote?
Die Studie vergleicht den Anstieg von GitHub-Codebeiträgen in einem Land mit den Neugründungen an Unternehmen in einem Land nach Ablauf eines Jahres. Dabei unterscheiden die Autoren Unternehmen, die allgemein in der Informationstechnologie tätig sind und solchen, die Ihr Geschäftsmodell auf Open Source Software konzentrieren. Der Anstieg von Codebeiträgen in einem Land um 1 % führte beispielsweise zu einem Zuwachs von 0,2 – 0,4 % an IT-Unternehmen allgemein und 0,03 bis 0,1 % an Open Source Software Unternehmen.
Obwohl die Ergebnisse zwischen einzelnen Ländern stark abweichen, kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass die aktivere Teilnahme an Open Source Software in einem Land zu mehr Unternehmensgründungen führt.
Fördert Open Source das Unternehmertum in allen Ländern gleichermaßen?
Die Studie zeigt, dass das Unternehmertum in Ländern mit höherem Pro-Kopf-Einkommen und einer besser ausgebildeten Bevölkerung stärker anwächst als in ökonomisch schwächeren Ländern. Open Source Software ergänzt und erweitert die bereits vorhandenen Ressourcen und baut darauf auf, kannibalisiert also nicht bestehende Unternehmen, sondern erweitert den Markt und den Wettbewerb.
Doch auch in den Ländern Mitteleuropas und Asiens mit mittlerem Einkommen ist die Zahl der Programmiererinnen und Programmierer gewachsen und sie erwirtschaften jährlich Dienstleistungen in zweistelliger Milliardenhöhe. Wenn das Wissen über Software und die damit verbundenen Geschäftsprozesse in ärmeren Regionen gefördert würden, könnte Open Source Software also dazu beitragen, das Unternehmertum auch in ökonomisch schwächeren Ländern stärker ansteigen zu lassen.
Weil die Software nicht teuer gekauft oder von Grund auf neu entwickelt werden muss, könnte Open Source Software dazu beitragen, ähnlichere Wettbewerbsbedingungen zwischen besser und schlechter ausgestatteten Ländern zu schaffen und somit als Innovationsmotor dienen. Wenn man also z.B. in Bildungsprogramme investiert, ist in ökonomisch schwächeren Ländern der Hebel besonders groß, den man mit Open Source Software einsetzen kann.
Welche Arten von Unternehmen entstehen mit Open Source Software?
Die Studie untersucht auch die Frage, ob in Ländern mit einer hohen Open-Source-Teilhabe mehr lokal aktive und gewinnorientierte Unternehmen entstehen oder eher global agierende und gemeinschaftsorientierte Unternehmen. Die weltweite gemeinsame Nutzung von Ressourcen und die Kommunikation zwischen Entwicklerinnen und Entwicklern mit unterschiedlichem Hintergrund legt den Verdacht nahe, dass letztere Variante zutrifft.
Tatsächlich konnte das Autorenteam nachweisen, dass eine Zunahme der Open-Source-Beteiligung in einem Land zu einer Zunahme global ausgerichteter Unternehmensgründungen führte. Der mögliche Hintergrund: Aufgrund der globalen Zusammensetzung der Open-Source-Community entwickeln die Mitwirkenden ein breiteres Bewusstsein für die globale Nachfrage für neue Produkten und Dienstleistungen und erkennen dadurch leichter Chancen auf internationalen Märkten.
Zudem sind Neugründungen häufiger auf gemeinschaftliche und soziale Ziele ausgerichtet, wie etwa Gleichstellung der Geschlechter, ökologische Nachhaltigkeit, verbesserte Gesundheit und Bildung und die Erweiterung des Zugangs zu Finanzmitteln. Die mögliche Ursache könnte hier darin liegen, dass Open Source Wert auf die Gemeinschaft legt und Mitwirkende mit pro-sozialen Motiven anzieht. So könnte eine stärkere Auseinandersetzung mit Open Source Software zu einem stärkeren Bewusstsein für solche Werte führen und neue Unternehmen dazu ermutigen, einen gemeinschaftlicheren Ansatz zu verfolgen.
Sogar die Qualität neu gegründeter Unternehmen erhöht sich mit der Erhöhung der Open Source Beteiligung. Als mögliche Ursache sehen die Autoren ein umfassenderes technisches Verständnis der Open-Source-Entwickler und eine gelungenere Kollaboration und Koordination.
Der Wert von Open Source Software
Die Studie „The Value of Open Source Software“ aus dem Januar 2024 befasst sich mit der Herausforderung, wie der monetäre Wert von Open Source Software ermittelt werden kann. Denn im Gegensatz zu Gütern mit einem Preisschild existieren bei Open Source Software keine allgemein verfügbaren Marktdaten. Deswegen bleibt Open Source Software bei wirtschaftlichen Messungen bisher weitgehend unberücksichtigt. Das Autorenteam der Harvard-Studie wertete daher Daten aus zwei einander ergänzenden Quellen aus, die die Nutzung von Open Source Software durch Millionen von Unternehmen weltweit erfassen.
Eine Datenquelle ist das Census II-Projekt, für das die Software-Nutzung von zehntausenden von Unternehmen analysiert und ausgewertet wurde. Die Zahlen geben über die Verbreitung von Open Source Software innerhalb dieser Unternehmen Auskunft. Die zweite Datenquelle ist der BuiltWith-Datensatz mit Scans von fast neun Millionen Websites. Hier wurde die den Websites zugrunde liegende Technologie einschließlich Open-Source-Bibliotheken analysiert, um den Anteil an Open Source Software zu ermitteln.
Die Ergebnisse sind erstaunlich und sollten Unternehmen und Institutionen dazu motivieren, das Open Source Ökosystem zu unterstützen. Denn sie zeigen sehr deutlich, dass der Wert von Open Source Software häufig unterschätzt wird.
4,15 Milliarden Dollar würde die theoretische Neuentwicklung der heute schon am häufigsten verwendeten Open-Source-Software-Produkte kosten, schätzen die Autoren der Studie. Das klingt nach einer überschaubaren Zahl, zeigt aber nur die Investition, die für die Entwicklung der Angebotsseite aufgewendet werden müsste. Auf der Nachfrageseite, also bei den Unternehmen, die diese Software kaufen und nutzen, käme sehr viel mehr zusammen. Gäbe es keine Open Source Software und jedes Unternehmen müsste diese Lösungen kaufen oder selbst entwickeln, würden insgesamt Kosten in Höhe von 8,8 Billionen Dollar anfallen. Das zeigt den Wert der Open Source Software, die heute schon breit verwendet wird.
Unternehmen müssten in dem Szenario 3,5 mal so viel für ihre Software ausgeben, als sie es derzeit tun. 84 % der Mehrkosten würden für die sechs wichtigsten Programmiersprachen anfallen. Eine weitere erstaunliche Zahl: 96 Prozent des Wertes an Open Source Software in Unternehmen wurden von nur 5 % aller Entwickler geschaffen.


