Microsoft hat die Kohle und die Tools, um Open-Source-Codemining zu betreiben. Foto: Simon Basler, by Unsplash, CC0

Microsoft hat die Kohle und die Tools, um Open-Source-Codemining zu betreiben. Foto: Simon Basler, by Unsplash, CC0

Zugegeben war das ein Anlass für einige Momente Schnappatmung. 7,5 Milliarden Dollar sind schon ein gewaltiger Kaufpreis für ein zehn Jahre altes Unternehmen, das vor drei Jahren noch auf zwei Milliarden Dollar geschätzt wurde. Und das bei einem hohen Risiko. Denn Microsoft greift sich damit die Plattform, auf der mit Abstand die meisten Open-Source-Projekte ihre Arbeit koordinieren. Aber Open-Source-Entwickler sind volatil, sie wechseln schnell zu attraktiveren Projekten – und möglicherweise auch zu einer anderen Plattform.

Microsoft hat die Kohle und die Tools, um Open-Source-Codemining zu betreiben. Foto: Simon Basler, by Unsplash, CC0

Microsoft hat die Kohle und die Tools, um Open-Source-Codemining zu betreiben. Foto: Simon Basler, by Unsplash, CC0

Tatsächlich war die Reaktion auf diversen Foren im Internet mit deutlicher Mehrheit negativ. Etliche kündigten an, ihre Projekte zu verlagern. Der nächstgrößere Konkurrent, Gitlab, meldete in kürzester Zeit eine Verzehnfachung der Projektzugänge. Berühmte Projekte aus der Open-Source-Welt hielten sich allerdings zunächst zurück. Gleichwohl ist festzustellen, dass die Community keineswegs Microsoft über den Weg traut. Es ist wirkt immer noch, dass der einstige Microsoft-Chef Steve Ballmer Linux als Krebsgeschwür verteufelt hat. Sein Nachfolger Satya Nadella hat sich kräftig bemüht, Microsoft als Open-Source-freundlich darzustellen, hat versichert, Github bleibe unabhängig. Vergeblich. Zum neuen Github-Chef hat er Nat Friedman bestellt, aber dessen Ruf hat in Open-Source-Kreisen auch gelitten.

Es ist überhaupt nicht die Frage, ob Github unabhängig bleibt. Es ist nicht damit zu rechnen, dass Microsoft Projekte behindern könnte. Selbst eine „Entschleunigung“ durch Banner und Cookies ist nicht zu erwarten. Wenn die Entwickler bleiben und die Milliarden nicht gerade verpulvert sein sollen, müsste Microsoft Github sogar besser machen. Dummerweise hat die Firma mit dieser Absicht schon allerhand verschlimmbessert. Aber selbst das ist nicht die Hauptsorge.

Microsoft kann, und das ist der entscheidende Punkt, jetzt analysieren, was die Entwickler umtreibt und wie machen. Der Softwareriese hat die Tools dazu – und wurde dafür mit dem Big Brother Award bedacht. Das sind die eigentlichen Schätze. Microsoft könnte Open-Source-Entwicklungen zuvorkommen, wo sie im Kern die eigenen geschäftlichen Interessen in Gefahr bringen könnten.

Die Bedenken weisen auf eine andere Fehlentwicklung in der Open-Source-Gemeinde hin: 27 Millionen Entwickler nutzen Github. Damit war es die mit Abstand wichtigste Hosting-Plattform. Matthias Kirschner, Präsident der Free Software Foundation Europe hat diese „Zentralisierung“ kritisiert: „Je mehr Dienste dort exklusiv angeboten und genutzt werden, desto schwerer wird ein zukünftiger Wechsel.“ Zu leicht entsteht eine ähnlicher Lock-in-Effekt wie beim Cloud Computing. Deshalb fordert Kirschner, Entwickler sollten „sich über solche Abhängigkeiten Gedanken machen“ und selbst entscheiden „wie viel Kontrolle sie bei ihrer Softwareentwicklung haben wollen“.

Die Open Source Community kommt ohne ein gutes Versionskontrollsystem wie Git nicht aus. Sie braucht aber eins, das einschließlich aller Erweiterungen Open Source ist. Und sie braucht zweitens Sponsoren, die Rechenzentrumskapazität dafür zur Verfügung stellen. Das müssen mehrere sein, um die Risiken von Firmenzusammenbrüche oder Übernahmen zu reduzieren und Projekte gegebenenfalls schnell zu einem anderen Hoster verlagern zu können.

*Ludger Schmitz ist freiberuflicher Journalist in Kelheim.