Weil ich fast den ganzen letzten Monat auf Kongressen unterwegs war, muss ich hier noch etwas nachholen. Denkwürdig bleibt der Oktober 2018 nämlich nicht nur wegen der IBM-Ankündigung, Red Hat übernehmen zu wollen. Zuvor schon hatte nämlich Microsoft zwei ähnlich bedeutungsvolle Dinge mitgeteilt.

Es begann noch recht harmlos klingend damit, dass der Redmonder Konzern Anfang des Monats Mitglied im LOT Network (Licensed On Transfer) wurde. Wer das wird, gibt ein nicht genutztes Patent automatisch, ohne Formalitäten und Zahlungen allen anderen LOT-Mitgliedern frei, sobald ein Nicht-Mitglied Nutzungsrechte erwirbt. Im LOT Network, 2014 von Red Hat gegründet, sind rund 300 Firmen mit zusammen mehr als einer Million Patenten vertreten. Das Netzwerk schützt vor Patenttrollen, die gerne inaktive Patente kaufen und zur Grundlage für Klagen machen.

Mitte Oktober übergab Microsoft dann außerdem mehr als 60.000 Patente an das Open Invention Network (OIN) und wurde dort Mitglied. Diese Organisation wurde 2005 gegründet; neben Red Hat waren damals noch IBM, Novell, Philips und Sony dabei. Heute hat sie gut 2650 Mitglieder. Die dem OIN übergebenen Patente können alle Mitglieder unbegrenzt kostenlos nutzen. Das OIN sammelt im Kern für die „Linux System Definition“ relevante Patente, was inzwischen aber auch andere Open-Source-Projekte einbezieht.

Das OIN-Geschenk von Microsoft hat einen besonders kuriosen historischen Hintergrund. Denn das OIN wurde ursprünglich zum Schutz von Linux vor Patentklagen in Leben gerufen wurde, die SCO gegen das Betriebssystem angekündigt hatte. Und Microsoft war damals indirekt einer der Finanziers von SCO. Über das unsinnige und bald aufgegebene Vorhaben ging SCO pleite. Microsoft stellte danach seine aggressiven Attacken gegen Linux („Krebsgeschwür“, „unamerikanisch“…) langsam ein.

Man muss gar nicht genau jedes einzelne dieser Microsoft-Patente unter die Lupe nehmen, um zu beurteilen wie wichtig jedes Einzelpatent und damit das Gesamtpaket ist. Sicher kann man, wie die Free Software Foundation Europe, wünschen, dass Microsoft auch Patentansprüche gegen Linux in Android oder in anderen Komponenten freier Software aufgibt. Auf jeden Fall gilt schon jetzt: Microsofts Patentübergabe an das OIN ist ein sehr großes Geschenk, dessen Wert sich nicht an Zahlen über Lizenzgebühren festmacht.

Es geht nicht um Dollars, sondern Microsoft stellt das Patentübergabe selber als Signal dar. Erich Andersen, Deputy General Counsel von Microsoft, hat in einem Microsoft-Blog selbst daran erinnert, dass es „in der Vergangenheit Reibungen zwischen Microsoft und der Open-Source-Community über Patente gab“. Dies sei nun „der nächste logische Schritt“ für ein Unternehmen, „das seinen Kunden zuhört und Linux sowie anderen Open-Source-Programmen fest verpflichtet ist“. Der Microsoft Beitritt zum OIN werde „Linux und andere Open-Source-Workloads vor Patentangriffen schützen“.

Die IT-Spezialisten wird die zunehmende Sympathie von Microsoft für Linux wohl kaum verwundern. Es ist bekannt, dass die Hälfte aller Workloads in der Microsoft-Cloud Azure auf Linux läuft. Entwickler wollen nicht nur nicht auf Open Source-Tools verzichten, sie können gar nicht anders, wenn sie das Rad (Quellcode) nicht dauernd neu erfinden wollen. In weiten Teilen der Administration sieht es auch nicht anders. Und die RZ-Leiter finden alles gut, was schneller und kostengünstiger geht.

Nur reicht das vielerorts noch nicht. Die CEOs kleiner bis mittelgroßer Unternehmen haben Angst, mit Open Source Patentrechte zu verletzen. In größeren Unternehmen sind die Rechtsabteilungen der hemmende Faktor. Nach einer Analyse von Black Duck gehen Entwickler tatsächlich ziemlich leichtfertig mit Lizenzrechten um. Die Open-Source-Community ist bei Lizenzverletzungen generös. Aber die klassischen IT-Firmen?

In diesem Punkt liegt die Bedeutung von Microsofts OIN-Beitritt. Microsoft sagt quasi: Anwender, ihr braucht euch keine grundsätzlichen Sorgen mehr zu machen. Ihr müsst euch nicht mehr davor fürchten, dass wir euch die Patentknüppel zwischen die Beine werfen, wenn ihr mit Open Source vorankommen wollt. Microsoft hat die Patentwaffe aus der Hand gegeben, jedenfalls soweit es um Linux – und wohl im weiteren Sinne auch um Open Source – geht.

*Ludger Schmitz ist freiberuflicher Journalist in Kelheim.