Schweizer Open-Source-Umfrage bringt überraschende Ergebnisse

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Die „Open Source Studie Schweiz 2015“ ist die vierte ihrer Art. Insgesamt 200 Behörden, IT-Anbieter sowie Firmen und Organisationen haben Einblick gegeben, wie weit und warum die Open-Source-Software einsetzen, wo die Hindernisse liegen und was die Vorteile sind.

Von Ludger Schmitz*

Die ersten Vorabergebnisse waren hier schon vor fast zwei Monaten ein Thema. Der Autor bittet zu entschuldigen, dass er aufgrund persönlicher Umstände erst jetzt dazu kommt, ausführlicher auf die inzwischen vorliegenden Ergebnisse einzugehen. Im berührenden Maße wird das auch jetzt nicht gelingen. Denn eins sei gleich gesagt: Die Schweizer IT-Organisationen swissICT und Swiss Open Systems User Group haben eine der besten Studien zu Verbreitung und Nutzung von Open Source vorgelegt, die der Autor in den letzten Jahren gesehen hat. Es sei sehr empfohlen, diese Analyse herunterzuladen und eingehend zu studieren.Dass die Nutzung von Open Source deutlich zugenommen hat, war zu erwarten – die Zunahme um rund ein Drittel kam allerdings auch für die Organisatoren der Umfrage „unerwartet“. Das unverändert dicke Plus bei „klassischen Open-Source-Anwendungen wie Server-Betriebssystemen, Webservern oder Datenbanken zeigt an, dass noch viel Potenzial besteht. Zu den Spitzenreitern gehören jetzt aber auch Cloud Computing und Security. Snowden-Veröffentlichungen, das Thema OpenSSL und die Open-Cloud-Debatte zeigen offensichtlich ausgeprägt Wirkung.

Vor allem Unternehmen aus der Informatik und Telekommunikation setzen inzwischen Open Source in vielen Anwendungsgebieten ein. Das ist zu erwarten, denn sie haben einen unmittelbaren Vorteil daraus, Quellcode lesen und wiederverwenden zu können. Und das dürfte künftig Wirkung haben, denn es ändert ihre Einstellung zu Open Source und damit die Argumentation gegenüber den Anwendern. Auf der Gegenseite sind es Behörden, die Open Source nur in ganz wenigen Anwendungsgebieten einsetzen.

Dazu passt eine weitere Erkenntnis der Umfrage:
je höher der Nutzungsgrad von Open Source, desto ausgeprägter die Kosteneinsparungen. Zitat aus der Studie: „Die ‚Top-Sparer‘ (20 % und mehr des IT-Budgets) stellen mit über 80 % auch den höchsten Anteil an Vielnutzern. Als Wenignutzer bleiben die Einsparungen hingegen limitiert.“ Entgegen oft zu vernehmenden Ansichten haben 90 % Einsparungen bei den Lizenzkosten erzielt. Und bei Wartung und Support sind sie höher als erwartet.

Kosten sind ein gewichtiges Argument (von 77 % genannt) für Open Source. Noch häufiger sind allerdings die Nennungen offene Standards (86 %) und Wissensaustausch mit der Community (82 %). Die Unabhängigkeit von Lieferanten nennen 76 % als Motive für Open Source. Bei den Behörden haben offene Standards, Kosteneinsparungen, und Lieferantenunabhängigkeit eine besonders ausgeprägte Bedeutung.

Der Zugang zum Quellcodes scheint vergleichsweise wenig wichtig zu sein, solange es um reine Prüfzwecke geht. Die Verfügbarkeit zwecks Anpassungen ist hingegen gefragter. Die gleichzeitig hohe Bedeutung der Transparenz von Open Source zeigt an, dass die meisten Anwender den Quellcode nicht selber untersuchen wollen, aber die Möglichkeit schätzen, dass andere es können.

Unter den Hinderungsgründen führen fehlende Schnittstellen (65 %) und Abhängigkeit von proprietären System (64,5 %). Die fehlende Lieferantenhaftung beklagen insgesamt 64 %, insbesondere die öffentliche Verwaltung. Enterprise-Support vermissen 63,5 %. Erst danach folgt ein Argument, das sich auf Open-Source-Software selbst bezieht, nämlich mangelnder Funktionsumfang (62 %). Migrationsprobleme geben 61,5 % an.

In einem letzten Abschnitt richten sich die Autoren der Analyse an die öffentliche Verwaltung. Sie sollten bei Open Source aufholen und die Rahmenbedingungen verbessern. Dazu gehört, nicht nur für offene Standards einzutreten und diese zur Maßgabe bei der eigenen Beschaffung machen. Zu wenig genutzt seien die Möglichkeiten verschiedener Organisationen, „in kleinen Konsortien Open-Source-Lösungen für Schnittstellen und benötigte Funktionen umzusetzen“.


Das Fazit der Studie:
„Das Thema Open Source ist im Schweizer IT-Markt angekommen und weist ansehnliche Wachstumsraten auf. Das dadurch gebotene Potential an technischen Innovationen und Kosteneinsparungen wird allerdings noch nicht überall optimal genutzt. Es besteht offensichtlich ein hoher Bedarf an Dienstleistungen, um die Vorteile von Open Source in die Realität umzusetzen.“


*Ludger Schmitz ist freiberuflicher Journalist in Kelheim.