Open Data ist viel mehr als Bürgerservice

Die wirtschaftliche Bedeutung von Open Data wächst

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Im Netz gibt es zahlreiche Visualisierungswerkzeuge (Bild: Welchering)

Wer in Ulm mit dem Bus fahren will, hat einen ganz entscheidenden Vorteil: Man kann sich die Abfahrtszeiten live am Smartphone anzeigen lassen, Fahrtrouten inklusive. In Ulm steckt ein Open-Data-Projekt hinter diesem Angebot. Im Ulm-API genannten Open-Knowledge-Lab haben sich Aktivisten und Interessierte zusammengefunden, die öffentlich zugängliche Daten sammeln und so aufbereiten, dass der Bürger direkten Nutzen davon hat.

Mit dem Projekt „Kleiner Spatz“ zum Beispiel kann jeder Bürger sofort sehen, wo noch ein Platz in einer Kindertagesstätte zu haben ist. Auch die nächste Abstellmöglichkeit fürs Fahrrad ist via Open-Data-Anwendung bequem und rasch zu finden. Die Feinstaubwerte sind auf Knopfdruck abrufbar. Und sogar die Haushaltsdaten der Kommune stehen öffentlich zur Verfügung und lassen sich als Open Data leicht auswerten.

Datenaufbereitung ist entscheidend

„Mit der Verfügbarkeit von öffentlichen Daten ist es ja nicht getan“, meint Fiona Krakenbürger von der Open-Data-Initiative „Code for Germany“ und erläutert: „Die Aufbereitung ist das Entscheidende, damit Bürgerinnen und Bürger sofort den Nutzen wahrnehmen können“. Das ist natürlich bei Apps für die Kita-Platzsuche oder nach einem Parkplatz eingängiger als beim kommunalen Haushalt oder planungsrelevanten Geodaten.

„Die aber sind gerade wichtig für einen Weg in die transparente Gesellschaft als Voraussetzung für Bürgerbeteiligung“, meint Peter Schaar, Vorsitzender der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz in Berlin. Der langjährige Bundesdatenschutzbeauftragte betont immer wieder, wie wichtig öffentlich zugängliche Daten aus Bibliotheken, Ratsinformationssystemen, Archiven oder zum Beispiel Umweltinformationssystemen sind, um die Voraussetzung für bessere Partizipation zu schaffen. Forschung Die Aufbereitung von Open Data aus Forschungseinrichtungen ist mühsam (Bild: Welchering) Privatsphäre und Transparenz müssen ausgeglichen sein

„Das geht auch nicht mit einem Verlust an Privatsphäre einher“, betont der Datenschützer Schaar gleichzeitig. Denn hier handelt es sich um staatliche und öffentliche Datensammlungen, mit deren Nutzung durch jedermann in erster Linie eine größere Transparenz staatlichen Handeln erreicht werden soll. Deshalb brauchen wir auch einen Rechtsanspruch auf Nutzung solcher öffentlicher Daten, geregelt durch ein Informationsfreiheitsgesetz“, meint Dagmar Lange, Landesvorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes Baden-Württemberg.

Haushaltsdaten von Kommunen, Ländern oder vom Bund als öffentlich zugängliche Daten erlauben es Journalisten nämlich, neue Zusammenhänge für die Berichterstattung aufzudecken, wenn sie datenanalytische Methoden nutzen. So haben freie Journalisten und Lokalblogger die auf mehreren hundert Seiten veröffentlichten Daten der Haushaltspläne 2002 bis 2007 des Zweckverbandes Pattonville in Baden-Württemberg mit datenjournalistischen Methoden aufbereitet. Am Zweckverband Pattonville waren zu der Zeit die Städte Kornwestheim, Ludwigsburg und Remseck beteiligt.

Haushaltsdaten sind hochspannend

Dabei kam heraus, dass die Verwaltung es schlicht vergessen hatte, Hausanschlussgebühren einzutreiben, und Gelder in sechsstelliger Höhe waren regelrecht im Haushalt verschwunden, tauchten also in entsprechenden Gegenrechnungen nicht auf. Daraufhin wurde die Gemeindeprüfungsanstalt tätig und stellte 101 Mängel in der Buchführung fest. „Bei solchen Projekten sollten die Daten in einem Format vorliegen, das weiter verarbeitet werden kann“, meint Open-Data-Aktivistin Fiona Krakenbürger. Das war im Falle des Zweckverbandes Pattonville nicht so. Die Journalisten und Lokalblogger mussten ein eigenes Programm schreiben, das die Daten aus den eingescannten Haushaltsplänen in maschinenlesbare Daten verwandelte.

„Solche Beispiele zeigen, wie wichtig Open Data für die Wächterfunktion der Journalisten ist“, meint Christoph Nitz von der Werkstatt für Medienkompetenz. Doch die Bedeutung von Open Data geht über Kontrollfunktionen weit hinaus. „Maschinenlesbare Daten aus öffentlich zugänglichen Quellen sind eine wesentliche Voraussetzung für Innovation sowie pfiffige neue Produkte und Dienstleistungen“, betont Dr. Bernd Wiemann, Geschäftsführer der Agentur Deep Innovation. Geodaten, Open-Access-Publikationen, Datenbestände aus Museen, Archiven und Forschungsbibliotheken sind notwendige Quellen für die dauerhafte internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Wirtschaftliche Bedeutung von Open Data wächst

Der Messe- und IT-Experte Roland Kümin verwendet Open Data, um virtuelle Messen im Internet mit dem Geschehen in traditionellen Messehallen zusammenzubringen. „Da entsteht eine eigene Welt, die Lust macht, die Messe zu besuchen und die dort gezeigten Produkte vor Ort auszuprobieren“, erläutert Kümin. Damit er bei seinem Besuch auf der Ausstellung den Stand des Produkt-Herstellers schnell findet, lässt sich Roland Kümin die Daten auf sein Smartphone schicken. Dafür braucht er Geodaten und natürlich die Katalogdaten des Messeveranstalters, die bisher allerdings nur in Ausnahmefällen als Open Data zur Verfügung stehen.

Solche Beispiel machen Mut. Oft fehlt aber noch der rechtliche Rahmen, um öffentlich zugängliche Daten in einem gut handhabbaren Format weiter zu verarbeiten und benutzerfreundliche Anwendungen zu entwickeln. Immer mehr Abgeordnete des Europäischen Parlaments erkennen das und wollen einen europaweiten Rechtsrahmen dafür schaffen. Die Zeit drängt.

Die erste OPEN! 2015 ist am 2. Dezember in Stuttgart

Thema der Konferenz ist zum Beispiel, wie Europa die Entwicklung digitaler Innovationen gestaltet. In einem eigenen Panel werden offene Daten im Kontext von Regierung, Verwaltung und Kultur diskutiert. Die Keynote hält André Golliez, Vorstand der Schweizer Initiative OpenData.ch.

In der offenen Diskussion „Open! Und dann?!“ geht es darum, welche Voraussetzungen für den erfolgreichen Einsatz offener Daten zu schaffen sind, um echte Innovationen zu ermöglichen. Mit dabei sind die Stadt Ulm, kommunaler Open-Government-Vorreiter, und die Deutsche Digitale Bibliothek, die Kulturerbe online zugänglich macht.