EU-Kommission wird in Sachen Open Source aktiver

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In der letzten Dekade hat die Verwendung von Open-Source-Software in der Europäische Kommission rapide zugenommen. Und noch mehr zeichnet sich ab.

Von Ludger Schmitz*

Die EU-Kommission ist so etwas wie die Regierung der EU. Hier ist alles erheblich diffiziler als in Berlin beispielsweise; denn ihre Basis ist kein Parteienzusammenschluss, sondern ein diplomatisch austarierter Kompromiss aller EU-Nationalregierungen. Gleichwohl zeigt sich dieser ebenso mächtige wie bruchgefährdete Apparat in Sachen IT deutlich handlungsfähiger als das erwähnte deutsche Gegenstück in Berlin. Das zeigt ein Vortrag, den der Belgier Pierre Damas, Head of Sector (Bereichsleiter) Service Oriented Solutions beim Directorate General for IT (Digit) Anfang Dezember 2014 auf einem internen Workshop gehalten hat. Dabei skizzierte er die interne Open-Source-Orientierung der EU-Kommission (EC), die Anfang 2015 formal verabschiedet werden soll.

Damas zeigte dabei auf, wie sich die Nutzung von Open-Source-Software in der EC verbreitet hat. Zur Jahrtausendwende gab es dort noch überhaupt keine Software dieser Art. Erst 2003 fing es auf den Servern mit Linux und Apache an, bei Collaboration-Software mit einem Content Management System, Wikis und Foren. 2014 laufen mehr als 10.000 Apache-Server und mehr als 1800 Server mit Red Hat Linux. Ferner sind auf den Servern Tomcat, LAMP, MySQL, Alfresco, Liferay und die EC-eigene Software ECAS als Open Source hinausgekommen.

Bei Collaboration stellt Drupal die Engines für die neuen „Europa“-Websites. Auf den Windows-Desktops gibt es neben MS-Office, Internet Explorer und Adobe Reader die offenen Anwendungen Firefox, 78-zip, Chrome, Gimp und VLC. In der EC-Softwareentwicklung dominiert Eclipse neben einem CITnet-Set von weiteren Open-Source-Tools und OS-Libraries. Hauseigene Open-Source-Entwicklungen sind EUSurvey, Joinup, die Citizens‘ Initiative, CircaBC und die Lizenz EUPL.

Das alles hat sich ohne formale Vorgaben entwickelt. Grundregel war, dass Open Source und proprietäre Software gleichartig beurteilt werden. Inzwischen hat sich Open Source als „Default“-Einstellung in der IT etabliert, so Damas. Für die EC-interne Applikationsentwicklung ziehen die Programmierer Open Source vor.

Damas schlägt nun vor, dass die EU-Kommission für das Produkt-Management die etablierte Nutzung von Open-Source-Anwendungen formal festgelegt wird. Bei der Softwarebeschaffung sollen proprietäre und Open-Source-Anwendungen nach dem Prinzip „value for money“ gleich behandelt werden. Für alle IT-Vorhaben soll die EC die Nutzung von Produkten vorschreiben, die „anerkannten, gut dokumentierten und vorzugsweise offenen Standards“ folgen.

Für die Entwicklung neuer IT-Systeme – auch wenn sie über die Infrastruktur der Kommission hinaus wirken – soll Open Source die bevorzugte Wahl sein. Es sollen die rechtlichen Rahmenbedingungen untersucht werden, um es Entwicklern bei der EC künftig zu ermöglichen, ihre Programme als Open Source freigeben zu können. Ferner sollen Entwicklungsrichtlinien geschaffen werden, welche der Nutzung von Open Source und gemischten Umgebungen ebenso freien Raum geben wie jetzt proprietären Anwendungen.

Die EC soll nach dem Entwurf von Damas Tools und Best Practices aus der Open-Source-Community übernehmen; die Einrichtung von Entwickler-Communities um EC-Produkte wird aktiv unterstützt. Im Rahmen von e-Government bildet Open-Source-Software das Framework. Mit Open Source befasste IT-Teams der EC werden verstärkt. Das Digit soll Open Source innerhalb der europäischen Institutionen und nach außen stärker vorantreiben.

An Linux-Desktops ist nicht gedacht. Diesbezüglich gab es 2005 ein kleines Pilotprojekt. Das verlief im Prinzip erfolgreich, wurde aber nicht weiter verfolgt. „Unsere künftige Office-Umgebung wird in behutsamer Weise entschieden anders sein“, erklärte Damas am Rande. „Wir werden Alternativen für Direct Messaging, Groupware und andere Teile der Infrastruktur vorschlagen.“ Künftig werde die EC zwar nicht auf Einzelverhandlungen mit IT-Anbietern verzichten, aber grundsätzlich öffentliche Ausschreibungen mit technischen Spezifikationen machen. „Wir sind uns der Änderungen des Umfelds bewusst.“

Damit kann der Blogger auf einen kommentierenden Vergleich zu Berlin verzichten.

*Ludger Schmitz ist freiberuflicher Journalist in Kelheim.