Alles offen!

Hinter Open Educational Resources (OER) steckt die Idee, Bildungsmedien gemeinsam offen zu gestalten

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Der offene Zugang zu Bildung und Wissen ist das Thema von OER (Bild: flickr/K.H. Reichert)

Schulen und Hochschulen haben OER bereits für sich entdeckt. Lehrer kooperieren, erstellen digitale Unterrichtsmaterialien gemeinsam, Studenten erarbeiten zusammen Skripte, Professoren stellen Vorlesungsunterlagen offen zur Verfügung. „Offen“ und „gemeinsam“ sind Schlüsselbegriffe des OER-Prinzips. Die jeweiligen Mediendateien können und dürfen bearbeitet werden. Teilen schafft Mehrwert – gerade beim Wissen.

Zwischen Vorbehalten und Chancen

Wer sich jedoch noch schwer tut mit OER, sind die Akteure in der Erwachsenenbildung. Das überrascht auf den ersten Blick nicht. Trainer und professionelle Anbieter von Fortbildungen, Kursen, Seminaren, Studiengängen müssen mit ihrem Angebot schließlich Geld verdienen. Sie stellen sich die Frage, ob ihre wirtschaftliche Existenz in Schieflage gerät, wenn sie ihr Wissen offen und gratis zur Verfügung stellen und zu copy and paste geradezu einladen.

Vorbehalte gibt es auch wegen des Urheberrechts. Wenn eine geschützte Info-Grafik durch Dritte in ein Seminarskript gelangt, droht Ärger. Wer sich an OER beteiligt, muss sich darüber im Klaren sein, dass nicht alles, was das Netz hergibt, eingesetzt werden darf in einer Publikation. Einen Ausweg bieten jedoch offene Lizenzen, wie zum Beispiel die Creative Common Liscense. Offene Lizenzen schützen den Urheber, öffnen aber auch Türen zur freien Verwendung geistigen Eigentums.

Wie sichert man die Qualität? Wer entscheidet über Relevanz und Richtigkeit? Stöbert man in den Diskussionsseiten von Wikipedia, kommt man zu der Erkenntnis, dass die Diskussionen um richtig und falsch mitunter hart und nicht immer sachlich geführt werden. Pures Vergnügen ist das nicht. Das könnte auch OER drohen.

Vorteile gegenüber bisherigen digitalen Medien

OER haben alle Vorteile von digitalen Medien: Sie machen es einfach, Wissen zu verteilen, zu speichern, zu aktualisieren, zu vernetzen. OER setzen zusätzlich voraus, dass andere am Medium mitarbeiten dürfen und dass jeder die Inhalte nutzen darf.

Dieses Dreieck aus Webtechnologie, Kooperationsbereitschaft und verbindlichen Lizenzmodellen ist die Basis für OER. Eine enorme Chance im Bildungswesen.

Besteht dieses Potenzial auch für die Erwachsenenbildung? Man muss einen zweiten Blick wagen, denn die augenscheinlichen potenziellen wirtschaftlichen Risiken sind nur ein Teil der Wahrheit. OER können ein attraktives Modell sein, wenn Kooperation kultiviert und ein paar Voraussetzungen erfüllt sind.

„Sharing is Caring“

Wenn Trainer ihr Wissen austauschen und ergänzen, dann steigt die Qualität der Lehr-Inhalte. Daraus werden Trainer, Seminarteilnehmer und Anbieter gleichermaßen ihre Nutzen ziehen. Die Kunden im Weiterbildungsmarkt können übrigens auch einen Qualitätsbeitrag liefern. Verlief der Wissenstransfer bisher primär von der Ebene der Lehrenden auf die Ebene der Lernenden, können Teilnehmer mit eigenem Wissen zu OER und zur Bildung beitragen. Lernende werden zu Lehrenden. Die klassischen Rollen verschwimmen.

Die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken formulierte es 2014 in einer Publikation der Friedrich-Ebert-Stiftung so: „Das wahre Potenzial von OER liegt im selbstständigen, kollaborativen und kreativen Lernen, in der Bearbeitung, der kreativen Gestaltung, der Rekonstruktion und dem Teilen: Sharing is Caring!“

In der Bereitschaft, einen Teil seines Wissens kostenlos mit anderen zu teilen und gemeinsam Bildungsmedien zu entwickeln, liegt ein großes Marketingpotenzial. Ein Trainer, der zeigt, dass er Inhalte gut aufbereitet, weckt Interesse. OER kannibalisieren Weiterbildungsangebote keineswegs. Ein freies Lehr-Video ersetzt nicht die Praxiselemente in einer Schulung. OER sind für private Bildungsanbieter kein Damoklesschwert.

Mehrere Herausforderungen

Ihre bloße Existenz und ihre Potenziale lassen OER in der Erwachsenenbildung nicht automatisch zur Erfolgsgeschichte werden. Selbst diejenigen, die OER prinzipiell aufgeschlossen gegenüber stehen, sehen Herausforderungen: Es gibt keine Plattformen, die OER, Trainer, Weiterbildungsanbieter und Interessierte zusammenführen.

Vorhandene OER-Angebote sind mit Suchmaschinen schwer aufzufinden, weil die Meta-Daten der Dokumente unzureichend angelegt sind. Gute Inhalte sind nicht immer mit der entsprechenden Creative Commons License versehen. Das Thema OER findet im Moment noch zu wenig Aufmerksamkeit. Kurz: Es fehlt an Struktur, an Öffentlichkeit, aber auch an Wissen über OER. Fortbildungsprogramme zu OER, organisatorische Maßnahmen und PR in eigener Sache sind drei richtungsweisende Schritte, um OER in der Erwachsenenbildung voran zu bringen. Die MFG setzt im Projekt OERup! an diesen Punkten an: „Mit einem Blended-Learning Programm, das diesen Oktober startet, wollen wir über die Natur von OER sowie ihre praktische Anwendung speziell in der Erwachsenenbildung informieren und fortbilden“, sagt Ines Kreitlein, Projektleiterin von OERup!

OPEN! 2015 – OER in der Praxis

OER schaffen eine neue Basis für den Zugang zu Bildung. Damit verbunden sind viele individuelle Bildungschancen. Wie dieser Ansatz konsequent genutzt werden kann, wie Rechts- und Handlungssicherheit gewonnen und möglichst viele Menschen eingebunden werden können, darüber gehen die Meinungen zum Teil noch auseinander.

Die OPEN! 2015 – Konferenz für digitale Innovation bietet am 2. Dezember in Stuttgart die Chance, Teil des neuen Bildungstrends zu werden. Sie präsentiert unter anderem Good-Practice-Beispiele, informiert über Erfahrungen von Bildungsträgern und Hochschulen, greift aber auch offene Fragen auf.