Open Stack – Ein Community-Projekt erfindet sich neu

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Eine Neuaufstellung von OpenStack angekündigt: Jonathan Bryce und Mark Collier, Director beziehungsweise COO der OpenStack Foundation. Foto: Ludger Schmitz, CC-BY 3.0
Eine Neuaufstellung von OpenStack angekündigt: Jonathan Bryce und Mark Collier, Director beziehungsweise COO der OpenStack Foundation. Foto: Ludger Schmitz, CC-BY 3.0

OpenStack ist nicht nur als Alternative zu proprietären Public Clouds interessant. Bemerkenswert ist auch, wie dieses Open-Source-Projekt sich in wenigen Jahren wiederholt neu ausgerichtet hat. Von Ludger Schmitz*

Gut zehn Jahre ist es her, dass in den Kreisen, aus denen später die Open Source Business Alliance entstand, zunächst mit etwas Ratlosigkeit eine neue Diskussion aufkam: Was wird aus Open Source, wenn in Cloud-Zeiten Anwender Funktionen einer Software nutzen, sie aber nicht selbst betreiben, also auch keinen Sourcecode besitzen? Daraus leitete sich die eigentliche Kernfrage ab: Welche Prinzipien der Open-Source-Definition lassen sich wie auf die Cloud übertragen, damit wenigstens noch von „open“ die Rede sein kann?

Ein erstes Ergebnis entstand am 1. April 2009: das „Open Cloud Manifesto“. Dessen Kernsatz lautete: „Cloud-Anbieter dürfen ihre Marktposition nicht nutzen, um Kunden an die jeweilige Plattform zu binden und ihre Provider-Auswahl zu beschränken.“ Das unterzeichneten damals zuerst Firmen wie IBM, HP, SAP, Sun und VMware. Mehr als zwei Jahre später folgte die Gründung einer „Open Cloud Initiative“, die „Open Cloud Principles“ vorlegte. In Deutschland entstand zur gleichen Zeit die „Open Cloud Business Initiative“, aus der später die „Open Cloud Alliance“ hervorgehen sollte. Doch aus den USA kommend überrollte eine andere Initiative alles.

Denn Rackspace und die NASA hatten ihre Software für die NASA-eigene Cloud Open Source gestellt und damit das OpenStack-Projekt gegründet. Dem schlossen sich sehr bald bedeutende Softwarefirmen an, die mit der OpenStack Foundation und finanziellen Mitteln dieser Initiative eine solide Basis gaben. Bereits im Oktober 2010 erschien die erste OpenStack-Version, „Austin“, die damals aus nicht mehr als zwei Modulen bestand, dem Compute-Kern Nova und Swift für das Object Storage. Ein halbes Jahr später kam Glance (Image Service) hinzu; in der Folge etwa alle sechs Monate ein weiteres Modul.

Für diese rapide Entwicklung war im Wesentlichen das das Engagement der IT-Industrie ursächlich. Sie wollte um jeden Preis verhindern, dass Amazon zum alles dominierenden Anbieter der Cloud-Zeit wird. Das Mittel der Wahl wurde OpenStack, weil hier mit Open Source Grundlagen geschaffen waren, die sich ausbauen ließen und einen elementaren Vorteil boten: Auf der Basis von Open Source ließ sich gemeinsam, das heißt hier auch schnell, entwickeln, während gleichzeitig da, worauf es in der Cloud ankommt, nämlich bei den Services, genug Möglichkeiten für Differenzierungen offen bleiben.

Das finanzielle und personelle Engagement der „Big Names“ der IT-Branche hat OpenStack zu einer ungeheuer schnellen technischen Entwicklung verholfen. Innerhalb der ersten drei Jahren entstanden Projekte, die damals als „Core“ bezeichnet wurden, und außerdem die ersten Module, die sich mehr auf praktischen Anwendungsnutzen richteten, zum Beispiel das Messungs-Tool „Ceilometer“. Manche Neuerungen waren, so heute die Selbstkritik, von „Kinderkrankheiten“ gekennzeichnet, nicht überraschend bei der schnellen Entwicklung.

Diese Entwicklung verlief so rasch, dass die OpenStack Foundation vor rund drei Jahren erstmals richtig organisatorische Korsettstangen einziehen musste. Es begann die Unterscheidung zwischen Modulen aus dem „DefCore“ und aus dem „Big Tent“. Zum Kern, dem DefCore, gehören die Compute-Module „Nova“ und das deutlich jüngere „Ironic“ (Bare Metal-Implementierungen), „Heat (Orchestration), „Neutron“ (Networking), „Swift“ (Object Storage), „Cinder“ (Block Storage), Horizon (Frontend) sowie „Keystone“ und „Glance“ für Shared Services. Hier lag der Schwerpunkt der Entwicklungsarbeiten seither auf Verbesserung des Durchsatzes, größere Umgebungen und vor allem Stabilität.

Alles, was zum Bit Tent gehören will, muss sich Regeln der OpenStack Foundation unterwerfen; das heißt vor allem, Open Source sein, bestehende Schnittstellen nutzen und Qualitätstests durchlaufen. Im Großen und Ganzen geht es um Module, die sich wie „Ceilometer“ auf praktische Nutzung richten, aber es gibt auch Alternativen zu Kernmodulen. Insgesamt sind es rund 60 Big-Tent-Module von denen allerdings ein erheblicher Teil, zum Beispiel als Libraries, nicht im Zentrum des Interesses steht. Jedoch ist die Entwicklungsgeschwindigkeit im Big Tent unverändert sehr hoch.

Das wird heute wieder kritisch gesehen. „Das Big Tent war nützlich, hat aber auch Anwender verwirrt. Wir müssen über die Organisation der Projekte reden“, erklärte OpenStack-COO Mark Collier kürzlich auf dem OpenStack-Summit in Sydney. „Wir diskutieren, wie sich Reife und Bedeutung von Projekten klarstellen lassen.“ OpenStack steht also vor einem weiteren Umbruch, auch wenn es noch keine Hinweise gibt, wie das neue Konstrukt aussehen dürfte.

Die anstehende Neuorganisation bringt auch zum Ausdruck, dass nicht mehr der Entwicklung des Kerns von zentraler Bedeutung ist, sondern seine Schale. „Das größte Problem mit Open Source ist heutzutage nicht Innovation, es ist Integration und Betrieb“, erklärt Jonathan Bryce, Executive Director der OpenStack Foundation. Dabei spricht er sowohl On-premise-Umgebungen mit und ohne virtuellen Maschinen an, als auch Public Clouds. In beide Richtungen sollen Integrations-Tools entstehen.

Installation von Private Clouds und ihr Betrieb sind ein weiteres wichtiger gewordenes Feld. Ein Ergebnis der schnellen Entwicklung war, dass OpenStack als komplex gilt – auch wenn in der Realität sehr kleine Teams sehr große Projekte auf die Beine gestellt haben. Die Lernkurve ist steil. Im Ergebnis meinen, wie kürzlich eine Suse-Studie gezeigt hat, drei Viertel der IT-Verantwortlichen, sie hätten im Hause nicht das Know-how für eine OpenStack-Cloud und auch der Markt sei leer gefegt.

Die Herausforderungen für das OpenStack-Projekt haben sich also fundamental geändert: Der Kern braucht nicht mehr so viele Verbesserungen. Hingegen ist eine zunehmend unübersichtliche Umgebung entstanden, die mehr Ausrichtung auf strategische Ziele benötigt. Die Foundation und ihre Leitungsgremien haben das verstanden und deutlich gemacht. In ersten Gesprächen mit Analysten am Rande des Sydney-Summits war zu erkennen, dass diese die Ziele einer neuen Orientierung gutheißen und bei ihren Prognosen bleiben: etwa 30 Prozent jährliches Wachstum in den nächsten vier Jahren.

*Ludger Schmitz ist freiberuflicher Journalist in Kelheim.