Nichts geht ohne/gegen Microsoft?

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Eine große Journalistenrecherche belegt, die hohe Abhängigkeit staatlicher Stellen von Microsoft. Dabei ist das das Ausmaß noch viel größer. Man fragt sich, was die Verantwortlichen dazu treibt. Von Ludger Schmitz*

Investigate Europe“, ein neunköpfiges Team von Journalisten aus verschiedenen europäischen Ländern, hat einen umfangreichen und Aufsehen erregenden Bericht vorgelegt: „Europe‘s dire dependency on Microsoft“.

Er ist mit leicht unterschiedlichen, im Kern aber identischen Texten in verschiedenen Sprachen und mehreren europäischen Publikationen erschienen. Die deutsche Version hat kostenlos „Der Tagesspiegel“ veröffentlicht.

Die Kernaussage ist prägnant:

„Die Abhängigkeit der Staaten von Microsoft

  • verursacht stetig steigende Kosten und blockiert den technischen Fortschritt in den staatlichen Behörden;
  • untergräbt systematisch das europäische Beschaffungs- und Wettbewerbsrecht;
  • geht einher mit einem erdrückenden politischen Einfluss für den Konzern;
  • und setzt die staatlichen IT-Systeme samt den Daten ihrer Bürger einem hohen technischen und politischen Sicherheitsrisiko aus.“

Dies untermauert die Studie mit beispielhaften Beschaffungsvorgängen, einigen allgemein verständlichen technischen Zusammenhängen und einer Auswahl von Aussagen aus dutzenden Interviews mit IT-Verantwortlichen. So sieht sich die EU-Kommission „in effektiver Gefangenschaft bei Microsoft“. Das sehen auch Verantwortliche für die IT-Politik in EU-Mitgliedstaaten ähnlich, kommen aber wie Anna Strezynska, die polnische Ministerin für Digitalisierung, zu einem erstaunlichen Schluss: „Ja, wir sind abhängig, aber ich halte das für hinnehmbar.

Entgegen EU-Regeln werden Aufträge an Microsoft ohne Ausschreibungen vergeben, in Deutschland bedient man sich dazu der „Konditionenverträge“ mit Microsoft, die Rabatte gewähren. Die EU hat nichts dagegen, sie hat selbst so einen Exklusivvertrag. Gertrud Ingestad, Dhefin der Generaldirektion Informatik (DIGIT) der EU-Kommission, hält das für „völlig legal“, weil es „keine andere Möglichkeit“ gebe. Investigate Europe weist hier auf Linux und LibreOffice hin – und auf die Anfeindungen, auf die sich gefasst machen muss, wer sich für solche Alternativen zu Microsoft entscheidet.

Einbahnstraße Hörigkeit?

Bei der Lektüre des Berichts kann den Leser immer wieder Fassungslosigkeit befallen. Sind diese Politiker und IT-Verantwortlichen in Öffentlichen Verwaltungen feige, saturiert, denkfaul, ignorant, blind, bestochen oder was? Die Antwort gleich vorweg: Sie sind es nicht, sie sind quasi „normal“, sie sind auch eine Art „Standard“.

Das Problem beginnt tatsächlich bei „Otto Normalverbraucher“. Der hat meistens einen PC mit Windows und Microsoft-Programmen, einige einen Apple, weil das beim Kauf des Rechners schon so war. Speichern in der Cloud, weil so bequem ist und man die Nachteile nicht körperlich spürt. Viren, kann halt passieren wie Schnee nach Ostern.

Bild: Fatale (gefühlte) Abhängigkeit von MS Outlook // Andreas Rösler
Bild: Fatale (gefühlte) Abhängigkeit von MS Outlook // Bearbeitet von Andreas Rösler (Quelle: https://pixabay.com/en/time-money-puppet-time-is-money-1594638/)

Dass „alle Welt“ mit solchem Gerät halbwegs vertraut ist, verschafft Unternehmen und Verwaltungen eine Annehmlichkeit, die bei den Mitarbeitern auch noch gut ankommt: Sie müssen nicht am Arbeitsgerät schulen, was ja nur kostet. So wird aus einer „Convenience“ eine „Hörigkeit der Kunden“, zwei Ausdrücke, die Andreas Rösler von Kopano in einem Blog-Beitrag verwendet. Er ergänzt darin, dass Hörigkeit keine Einbahnstraße ist, „weil man diese Abhängigkeit nicht Mircosoft alleine ankreiden darf. Die andere Seite könnte ausbrechen. Tut sie aber nicht.“

Rösler führt aus, dass die Abhängigkeit weit über die von Investigate Europe benannten Produkte Windows und MS Office hinausgeht. „Outlook (ist) nicht nur ein weiterer, sondern meiner Erfahrung nach ein wesentlich stärkerer Suchttreiber.“ Die immer enger gewordene Bindung von Outlook an Exchange ist nur ein Beispiel, wie eine Firma die Abhängigkeit verstärkt, Daumenschrauben anzieht, aus Abhängigkeit buchstäblich Kapital schlägt. Rösler erwähnt Sharepoint und Skype.

Keine Befreiung ohne Kampf

Wer aus der Abhängigkeit ausbrechen will, muss gegen alles kämpfen, gegen Microsofts Lobby und gegen „Das haben wir immer so gemacht“ in der IT. Beides war nicht immer. Noch vor 25 Jahren gab es das geflügelte Wort: Wer IBM kauft, wird nicht gefeuert. Heute haben viele IT-Verantwortliche IBM durch Microsoft ersetzt. Aber kein Monopol ist beständig. Es gibt immer mehr Leute, die unabhängig sein wollen. Und es gibt die Alternativen für sie: Open-Source-Software.

Unternehmen haben jede Freiheit, in ihrer IT zu machen, was sie wollen. Moderne Konzerne wie Google und Facebook haben längst begriffen, dass sie Abhängigkeit von Microsoft vermeiden müssen. Der Staat aber hat weniger Handlungsspielraum. Er hat eine besondere Verantwortung, die Freiheit der Bürger zu schützen, wozu auch deren Daten gehören. Er muss gemäß seiner Rechtsregeln handeln und darf sich nicht einem Sicherheitsrisiko aussetzen. Mit Open Source – und nicht durch Hingabe an große Softwarehäuser – kann er diese Pflichten erfüllen. Und er kann mit Open Source und offenen Standards ein IT-Umfeld schaffen, das eine deutsche und europäische IT-Industrie stärken würde.

*Ludger Schmitz ist freiberuflicher Journalist in Kelheim.