Linux-Desktops – eine Frage der Spiele?

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Das Fehlen von Spielen sei der Grund, warum Linux auf Desktops nicht vorankomme. Das war in den letzten Jahren ein sehr verbreitetes Argument – und von dem kann man sich endgültig verabschieden. Von Ludger Schmitz*

Von Steam, der Internet-Vertriebsplattform für Computerspiele, welche die Valve Corporation betreibt, sind in letzter Zeit zwei Nachrichten gekommen, die aufhorchen lassen: Gerade eben hat Steam mit 1018 Spielen für Linux-Systeme eine symbolisch wichtige Marke geknackt. Bereits im September hatte Valve gemeldet, dass es auf seiner Plattform nun 2500 Linux-Spiele gebe; ein Jahr zuvor waren es noch 1500 Titel. Momentan sind 25 Prozent aller Spiele auf der Plattform auch für Linux erhältlich.

Solche Zahlen hören sich vor allem deshalb toll an, weil Steam eine enorm schnell wachsende Spiele-Plattform ist. Außerdem hat Valve schon vor rund drei Jahren ein eigenes Linux-basierendes Betriebssystem für Spiele entwickelt, das SteamOS. Es soll vor allem den Spielen im grafischen Highend viel Performance bringen. In Sachen Grafik sind PCs den Konsolen überlegen.

In der Realität allerdings spielen Linux-Desktops bei Spielen keine Rolle. Nicht einmal ein Prozent (genau 0,83) der Steam-Anwender sitzen an Linux-Kisten. Die jeweils angesagten Spitzentitel gibt es in der Regel nicht für Linux. Die großen Hersteller entwickeln für schnelle Massenmärkte, und die heißen Windows und Spielekonsolen. Die bei Steam erhältlichen Linux-Spiele sind im wesentlichen überaltert oder stammen aus Indie-Produktionen.

Es ist wirkt nur bei flüchtigem Blick so, als behebe sich das Fehlen von Spielen unter Linux. Die Zahlen sagen eher, dass das dieses lange beklagte Manko nicht die Ursache dafür ist, dass Linux auf Desktops nicht vorankommt. Man darf gerne spekulieren, woran das liegt.

Ist es die völlige Marktbeherrschung von Windows-Systemen bei den Privatanwendern, die dann im Büro auch nichts anderes vorgesetzt bekommen, weil sie es so gewohnt sind und es Schulungskosten spart?

Sind es die fehlenden oder erst später erscheinenden Treiber?

Niemand wird behaupten wollen, ein Linux für Desktops, ein Ubuntu etwa, sei zu kompliziert. Oder wird Linux dann doch zu frickelig, wenn man mal versucht, Problemen auf den Grund zu gehen und sie zu beheben. An der Konsole scheitern dann die Normalanwender – bei Windows kommt man klickender Weise allerdings auch nicht weit, man hat höchsten gefühlt ins System schauen können.

Mir ist das eigentlich völlig schnuppe. Denn ich finde es wichtiger, dass Linux auf Servern so eine Größe geworden ist, dass niemand mehr daran vorbeikommt. Und in der Folge verbreiten sich Open-Source-Anwendungen immer mehr. Ein wenig aber wurmt mich die Desktop-Schwäche schon, schließlich wurde Linux einst als Unix-Alternative auf und für Desktops entwickelt.

Hat noch jemand eine Idee, woran es liegen könnte, dass Linux-Desktops keine nennenswerte Verbreitung haben? Ich würde mich über Kommentare von Lesern freuen.

BTW: Glücklicherweise endet 2016 ohne die Peinlichkeit, dass jemand es zum „Year of the Linux Desktop“ erklärt hatte.
Ich wünsche allen Lesern erholsame Feiertage und einen guten Rutsch in ein erfolgreiches neues Jahr!

*Ludger Schmitz ist freiberuflicher Journalist in Kelheim.